Wie sich unternehmerische Fertigkeiten und Management- Kompetenzen ergänzen

Im Interview mit...

Sehr geehrter Herr Faschingbauer, erklären Sie uns, was Effectuation ist?

Michael Faschingbauer: Effectuation ist die Art und Weise, wie erfahrene Unternehmer an Zukunftsvorhaben herangehen, wenn die Dinge noch ungewiss sind. Je ungewisser die Situation, desto eher verzichten solche gestandenen Unternehmer darauf, die Zukunft vorhersagen zu wollen. Sie beginnen ihre Vorhaben auf Basis dessen, was sie bereits wissen und vor allem gehen sie relativ früh ins Handeln – das Ziel des Handelns bleibt aber in der frühen Phase noch wandelbar. Das ist etwa so, wie den Seeweg nach ­Indien zu suchen und auf dem Weg Amerika zu entdecken. Effectuation ist ein Begriff aus der Entrepreneurship-Forschung. Er beschreibt die unternehmerische Entscheidungslogik, die eigentlich jeder anwenden kann, der mit ungewissen Situationen zu tun hat.
Das beginnt damit, dass es ungewiss sein kann, ob eine Idee gut ist und sich das überhaupt machen lässt. Interessiert das überhaupt? Wird es dafür Konkurrenz geben? Welche Überraschungen lauern um die nächste Ecke? Wird es gelingen, Stakeholder ins Vorhaben mit einzubeziehen? Das letztere ist meistens das wichtigste.

Was unterscheidet die Herangehensweise von Unternehmern und Managern?

Faschingbauer: Das beginnt schon bei der unterschiedlichen Ausgangsposition. Manager sind es gewohnt mit planbaren Bedingungen umzugehen. In einem Unternehmen ändern sich die Dinge nicht jeden Tag. Dann bauen auch die Zukunftsvorhaben auf Erfahrungen aus der Vergangenheit auf. Das können Manager mit der Zeit sehr gut. Sie können gut mit planbaren Risiken umgehen und Dinge gut nach Plan umsetzen. Die Ausgangsposition für den Unternehmer, der etwas Neues in die Welt bringt, ist eine andere. Es gibt noch keine Daten und Analysen aus denen sich ableiten lässt, was er oder sie jetzt tun muss. In dieser Situation ist Gestaltungswille abseits von Prognosen gefragt.
Aber auch für Führungskräfte und Manager gibt es ungewisse Fragestellungen. Die Welt ist zunehmend ungewisser geworden durch Globalisierung, Vernetzung im Wirtschaftsleben, durch die wachsende Komplexität auch innerhalb der Organisationen. Wir merken dann in diesen Situationen, dass herkömmlichen Management-Methoden nicht mehr besonders gut funktionieren.

Wie kann man sich die unternehmerischen Kompetenzen aneignen?

Faschingbauer: Anstatt unter Ungewissheit klare Ziele formulieren zu wollen, übt man zum Beispiel auf Basis dessen, was zur Verfügung steht, zu handeln. Anstatt zu überlegen, was den größten Ertrag bringt, überlegen Unternehmer in ungewissen Situationen, welche Versuche man starten kann und was der leistbare Einsatz beziehungsweise der leistbare Verlust ist. Das sind unternehmerische Faustregeln, die Orientierung geben für ungewisse Situationen. Erfahrene Unternehmer können das mit der Zeit intuitiv sehr gut.
Für den Erfolg ungewisser Vorhaben ist es aber auch maßgeblich, die Stakeholder möglichst früh einzubeziehen – sie als Mitgestalter einzuladen, mit ihren Beiträgen und Ideen zu arbeiten. Das ist für viele sehr erfahrene Manager ein Stück weit kontra-intuitiv, da sie es gewohnt sind, zunächst einmal so zu planen, bis sie ein wasserdichtes Vorhaben gefasst haben und dann erst zu versuchen, die Anspruchsgruppen an Bord zu bringen. Unternehmer machen das hingegen ganz früh, die gehen ganz früh raus und beziehen andere mit ein. Dieses Einbeziehen der Stakeholder gelingt dann, besonders gut, wenn man sich bewusst macht, dass es nicht darum geht, die eigenen Leistungen möglichst gut zu „verkaufen“, sondern dass Leistung erst dadurch entsteht, dass man sie an den Bedürfnissen eben dieser Stakeholder ausrichtet.
Das heißt, dass man die Stakeholder früh ins Boot holt, an Stellen, wo man vielleicht noch gar nichts fertiges zu bieten hat und dass man dadurch Standing gewinnt, dass man sich auf das gemeinsame Gestalten mit anderen Interessensvertretern einlässt.

Wie ergänzen sich Managementkompetenzen und unternehmerische Tugenden?

Faschingbauer: Ich brauche im Alltag beides. Eine Daumenformel ist, dass etwa 70-80% der täglichen Entscheidungen Management-Entscheidungen sind, die man gut planen kann. Für 20-30% der Entscheidungen, wo Planen und Vorhersagen nicht weiterhilft, wäre es gut, man könnte gewissermaßen umschalten und mit unternehmerischen Prinzipien dran gehen. Es macht einen großen Unterschied wenn ich kontextspezifisch oder situationsspezifisch nach Management-Art oder unternehmerischer Art vorgehe.
 

Mehr über unternehmerische Kompetenzen und Effectuation erfahren Sie von Michael Faschingbauer am 16. Mai 2017 auf dem Nutzerkongress in Düsseldorf. Das Interview führte Katja Bilski-Neumann.

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