Effizienzmaßnahmen in der Münchener Allianz Arena

Vom Basis-Check zum ­optimalen Energiekonzept

Seit ihrer Eröffnung im Jahr 2005 hat sich die Allianz Arena nicht nur für Fußball-, sondern auch für Architekturbegeisterte zu einer Attraktion entwickelt. Und hinter der Fassade aus 2760 Luftkissen, die eine Gesamtfläche von 66.500 m² bilden, zeigt sich, dass die Arena im Münchner Norden auch zum Thema Energieeffizienz einiges zu bieten hat.

Denn das Stadion am nördlichen Ende des Münchner Stadtteils Schwabing-Freimann in der Fröttmaninger Heide ist nicht eben nur ein Stadion: Zwar wird hier auch Fußball gespielt und geschaut, doch die Allianz Arena ist vor allem eine Spezialimmo­bilie. Neben den 69.901 zur Verfügung stehenden Plätzen, gibt es auch über 106 Logen mit insgesamt 1374 Sitzplätzen, zwei Kindertagesstätten, die LEGO-Welt und zwei Fanshops: den Megastore des FC Bayern München mit 800 m² und den des TSV 1860 München mit 400 m² Verkaufsfläche. Beide befinden sich im Inneren des Stadions. Dort sind auch die Geschäfte bzw. Ausstellungsbereiche von Medion, Telekom und Audi zu finden. Außerdem sind an der Stadionaußen­seite rundherum Fan-Kioske in das Stadion eingelassen. Die verschiedenen Gastronomiebetriebe verteilen sich auf einer Fläche von rund 6500 m². Das dazugehörende viergeschossige Parkhaus mit Plätzen für rund 9800 Autos ist das größte Parkhaus Europas. Nördlich der Arena und am südlichen Ende der ­Esplanade befinden sich insgesamt 350 Parkplätze für Fanbusse. Die insgesamt 54 Kartenschalter befinden sich in zwei so genannten Kassen-Canyons. Sämtliche Gastronomiebereiche der Allianz Arena (Business-Club, Sponsoren-Lounges, VIP-Logen, Kioske, Fan-Treffs, à la Carte-Restaurants sowie Presse-Club) werden von Arena One betrieben. Neben den Gastronomiebereichen betreibt Arena One auch das Besuchermanagement, das Eventmanagement und das Anlagenmanagement.

Bei sämtlichen Gastronomieständen kann nur bargeldlos mit der ArenaCard bezahlt werden, damit die Essens-/Getränkeausgabe generell schneller erfolgt. An sechs ArenaCard-Automaten, mo­bilen Verkäufern, Ticket-Kassen und Aufwert-Stationen kann die Karte mit weiterem Bargeld aufgeladen werden. In allen Fanshops und im Restaurant Arena à la Carte kann weiterhin mit Bargeld gezahlt werden.

Das komplette Stadion wird von einer eigens errichteten Mobilfunkanlage, bestehend aus einem BTS-Hotel (in diesem befinden sich alle notwendigen Basisstationen der Netzbetreiber) sowie einem optischen Verteilsystem aus Relaisstationen und Glasfasern versorgt. Die Anlage ermöglicht den Besuchern auf GSM 900/1800 und UMTS das Telefonieren.

Das Dach und die Fassade wurden aus 2760 ETFE-Folienkissen (Ethylen-Tetrafluorethylen) hergestellt, welche ständig mit getrockneter Luft aufgeblasen werden und einen Überdruck von 3,5 hPa aufweisen. Die Folie ist 0,2 mm dick. Die Beleuchtung der Kissen kann für jedes Kissen getrennt wahlweise in rot, blau oder weiß und in mehreren Helligkeitsstufen erfolgen. Das Stadion wird jeweils in den Farben der spielenden Heimmannschaft beleuchtet, wobei weißes Licht bei Länderspielen verwendet wird.

 

Ambitionierte Effizienzsteigerung

„Wer diese Fakten kennt, kann sich auch vorstellen, dass das Stadion viel Energie benötig“, begrüßt uns Jürgen Muth, Geschäftsführer der Allianz Arena Stadion GmbH. „Natürlich war mit der Eröffnung im Mai 2005 zunächst wichtig, dass Technik, Prozesse und die gesamte Organisation im Stadion reibungslos funktionieren. Doch als sich der laufende Betrieb eingespielt hatte, rückte für uns das Thema Energie immer weiter in den Fokus“, erklärt Muth die Anfänge des Effizienzprojekts. Und das in luftiger Höhe, denn hier, auf der obersten von sechs Ebenen, rund 35 m über dem Spielfeld und direkt unter der Außenhülle der ­Allianz Arena, ist die gesamte Ener­gietechnik des Stadions untergebracht.

Jürgen Muth zeigt auf einen kleinen Kasten direkt neben den beiden Heizkesseln, die jeweils 5,2 MW Leistung bringen. Dahinter verbirgt sich ein kleiner unscheinbarer Steuerkasten, der für eine bessere Sauerstoffregelung sorgt, und damit den Wirkungsgrad des Kessels um einige Prozentpunkte erhöht. „Rund 80.000 kWh werden wir so im Jahr einsparen. Für uns eine lohnende Investition.“

Die Steuerung der beiden Heizkessel haben die Techniker bereits optimiert. Für jeden Startvorgang ist eine bestimmte Menge Gas erforderlich, damit der Kessel seine Betriebstemperatur erreicht. Weniger Brennerstarts bedeuten einen geringeren Energieeinsatz. Im Jahr summiert sich dies auf ein Sparvolumen von rund 200.000 kWh.

Muth, von Haus aus Bauingenieur, ist nicht nur von den Maßnahmen am Heizsystem überzeugt. Schon seit über einem Jahr sind seine Mitarbeiter damit beschäftigt, ein ganzes Bündel von kleineren und größeren Neuerungen einzuführen: „Wir wollen insgesamt eine Million Kilowattstunden Energie pro Jahr einsparen. Natürlich müssen wir dafür auch Geld in die Hand nehmen, aber die Investitionen amortisieren sich schon nach wenigen Jahren.“

Seit Anfang letzen Jahres beliefert E.ON Bayern Vertrieb das Stadion mit Strom. Ein wichtiger Baustein des Lieferkonzepts war von Beginn an die Erschließung von weiteren Effizienzpotentialen in der Arena. Auch das Management der Stadiongesellschaft zögerte nicht lange. „Bei einem Gesamtenergieverbrauch von rund 19 Mio. kWh und steigenden Energiepreisen waren wir natürlich sehr an innovativen und vor allem schnell umsetzbaren Vorschlägen interessiert“, sagt Jürgen Muth.

Im Winter haben sich die Experten zusammen mit externen Fachleuten von DEKRA auf die Suche gemacht und die Allianz Arena energietechnisch auf Herz und Nieren untersucht. Mehrere Tage prüfte das Expertenteam die Heiz-, Kühl- und Belüftungsanlagen, analysierte den Stromverbrauch und führte viele Gespräche mit den Technikern vor Ort. Das Ergebnis war eine 80-seitige Energiepotentialanalyse mit einer ganzen Reihe von Empfehlungen für alle ­verbrauchsrelevanten Bereiche.

 

Ausgeklügelte Einzelmaßnahmen

Jürgen Muth will uns einige der bereits umgesetzten Maßnahmen zeigen und steuert nach der Heizzentrale die 50 m entfernt stehenden Kältemaschinen des Stadions an. Unterwegs erzählt er nicht ohne Stolz, dass das Stadion energietechnisch schon auf dem neuesten Stand sei, und weiteres Energiesparen daher nur noch durch eine Vielzahl ausgeklügelter Einzelmaßnahmen möglich ist. Eine angenehme Kühle im Raum der Kältemaschinen vermittelt einen Eindruck davon, welche Energiemengen an einem heißen Sommertag notwendig sind, um Technik und Menschen im ­Stadion bei Laune zu halten. Bei ihrer Analyse im Winter wunderten sich die Experten allerdings, warum die Kühlmaschine trotz niedriger Außentemperaturen durchgehend in Betrieb war. Der Grund: Die Möglichkeit zur direkten Nutzung der Außenluft war zwar vorhanden, wurde bis dahin aber nicht voll ausgeschöpft. Das soll sich demnächst ändern. Die Anlage wird umprogrammiert, so dass in einem gemäßigten Temperaturbereich künftig keine Maschine mehr laufen wird. Damit will die Stadiongesellschaft jährlich weitere 73.000 kWh sparen.

Zentrale Steuerung

Zurück im Büro des Hausherrn auf Ebene 4 erklärt Geschäftsführer Muth die Systematik der Effizienzmaßnahmen, die sich grob in zwei Kategorien unterteilen lassen. Das erste Maßnahmenpaket umfasst technische Anpassungen, wie sie beim Heiz- oder Kühlsystem ­vorgenommen werden. Auch der Einbau von 450 Bewegungsmeldern für die Lichtsteuerung gehört in diese Kategorie. Manuelle Lichtschalter sind in vielen Gebäudebereichen mittler­weile verschwunden. Das jährliche ­Einsparvolumen beziffert er mit rund 460.000 kWh.

Das zweite Maßnahmenbündel lässt sich unter dem Begriff Verhaltensänderung zusammenfassen. „Das ist für uns als Betreiber eine echte Herausforderung. Denn da geht es um die Menschen und ihr Verhalten. Das sind oft nur Kleinigkeiten, die man aber organisieren muss.“ Doch hier setzt die Stadiongesellschaft vor allem auf die Mithilfe der Mitarbeiter, Dienstleister und Kunden. So weiß die Steuerungszentrale genau, wann die Reinigung bestimmter Stadionbereiche ansteht. Also wird die Beleuchtung nur für diesen Termin aktiviert und vom Reinigungsteam nach getaner Arbeit zur Deaktivierung freigegeben. Auch Kunden leisten einen Beitrag, denn Besuche in den Firmen-Logen werden vorab angemeldet. Ein Anruf genügt und die Steuerungszentrale fährt die Heizung oder Kühlung in der Loge hoch. Aber auf diese Weise lässt sich der Dauerbetrieb vermeiden und wiederum Energie sparen.

„Den einen, ganz großen Einsparknaller gibt es bei uns nicht“, sagt Jürgen Muth. „Für uns ist entscheidend, die identifizierten Potentiale zügig auszuschöpfen. Dann werden wir sicherlich die nächsten Schritte in die Wege leiten.“

Dass er dabei auf seinen Energiepartner setzt, betont der Geschäftsführer der Stadiongesellschaft ausdrücklich: „Wir sind E.ON für das gemeinsame Projekt sehr dankbar. Das Know-how der Experten hat uns vollauf überzeugt und zahlt sich für uns in barer Münze aus.“ Gute Aussichten also für die Fortsetzung einer ­erfolgreichen Energiepartnerschaft.

Dr. Thomas Renz, E.ON Vertrieb Deutschland GmbH, 80335 München


Allianz Arena München Stadion GmbH

Zum gemeinsamen Bau der Allianz Arena haben die beiden Münchner Vereine FC Bayern und TSV 1860 zu jeweils 50 % die Allianz Arena München Stadion GmbH gegründet. Am 27. April 2006 hatte der FC Bayern zunächst vorläufig bis 30. Juni 2010 die Anteile zu 100 % übernommen. Das ursprünglich bis zu diesem Datum vereinbarte Rückkaufsrecht des TSV 1860 München an einem 50 % Anteil an der Allianz Arena München Stadion GmbH wurde am Freitag, den 25. April 2008, jedoch endgültig notariell aufgehoben. Alle drei Parteien vereinbarten, dass der TSV 1860 damit von Verpflichtungen entlastet wird, die nunmehr die FC Bayern München AG als alleiniger Gesellschafter der Allianz Arena zu tragen hat. Vorsitzender der Geschäftsführung ist seit dem März 2004 Dipl.-Kaufm. Peter Kerspe. Geschäftsführer ist seit Oktober 2007 Dipl.-Ing. Jürgen Muth.

Experten-Tipps für mehr Energieeffizienz

 Der Grundstein für die Energieeffizienz wird schon vor Baubeginn gelegt: Mit der richtigen Ausführung des Baukörpers, der Auswahl effizienter Wärme- und Kälteerzeuger und dem Einsatz optimaler Gebäudeleittechnik.

 Im Baubereich wurden in den letzten Jahren große Fortschritte bei der Energieeffizienz gemacht. Bauten nach heutigem Standard benötigen nur noch einen Bruchteil der Energie, die noch in den 1990er Jahren üblich war. Deshalb sollte man bei allen Objekten, die vor 1990 errichtet wurden, eine energetische Sanierung ins Auge fassen. Optimaler Einstieg ist eine Vor-Ort-Zustandsanalyse, die Schwachstellen und Lösungswege aufzeigt.

 In der Betriebsphase sollte regelmäßig nachjustiert werden, also die Programmierung der Leittechnik optimiert und an geänderte Nutzungsprofile angepasst werden. Hierfür fallen kaum Investitionskosten an.

 Die Investition in neueste Technik lohnt sich oft nach kurzer Zeit. Sinnvoll ist es beispielsweise über, Bewegungsmelder zur Lichtsteuerung oder über den Einsatz von LED Lampen nachzudenken.

 Der Faktor „Verhaltensänderung“ kostet nichts, erfordert aber ein wenig Engagement von Mitarbeitern, Partnern oder Kunden. Das Beispiel Allianz Arena zeigt, dass es machbar und effektiv ist.

 Das Thema Energieeffizienz sollte von einem bestimmten Mitarbeiter oder einem speziellen Team verantwortet werden. Dort laufen alle Fäden zusammen, werden Prozesse entwickelt, Projekte geschmiedet und die Umsetzung koordiniert.

Sicherer Zutritt

Auch die Umsetzung des Sicherheitskonzepts – vor allem bei den Schließanlagen – ging man recht ambitioniert an: Hier entschied man sich für die elektronischen Systeme von SimonsVoss, auch wenn in der ursprünglichen Leistungsbeschreibung noch von einer mechanischen Schließanlage die Rede war. Hintergrund war u.a. die Weltmeisterschaft 2006, da hier mehr Flexibilität bei der Platzvergabe gefordert war. Jeder einzelne der 1700 eingebauten Zylinder kann einzeln programmiert werden. Und trotz Systemwechsel von mechanisch auf elektronisch blieb man im Budget – auch weil man sich wegen des zur Zeit der Entscheidung bereits fortgeschrittenen Baus – für ein OfflineSystem entschied. Dadurch kann man zwar nicht rein online programmieren, sondern muss jeden Zylinder vor Ort programmieren.

Der große Vorteil jedoch: Das Offline-System ist, da man sich jegliche Verkabelung sparen kann, völlig unabhängig vom Bauprozess und von späteren baulichen Veränderungen. Das ist bei zeitlich engen Vorgaben, wie sie beim Bau eines solchen Projekts üblich sind, von nicht zu überschätzendem Vorteil: So stellte sich erst im Laufe des Baufortschritts heraus, wo die Gastronomie und wo genau die Technik hinkommt. Aber auch auf lange Frist ist dieses System ausgesprochen komfortabel: Stellt sich die Besucherstromführung im Laufe der Zeit als unpraktikabel oder unsicher heraus, lassen sich die Wege völlig problemlos verlegen. Hätte man jetzt eine herkömmliche mechanische Anlage, würde jede räumliche Änderung heißen: Das alte muss weggeschmissen werden und ein neuer Zylinder bestellt werden. Diese Vorteile machen das System vor allem auch ausgesprochen wirtschaftlich. Zudem sind die Betriebskosten niedrig, teure Nachschlüssel und Zylinderwechsel bei Umorganisation entfallen. Auch der Verschleiß der Zylinder ist wesentlich geringer als bei der mechanischen Variante, so dass sich das System binnen kurzem amortisiert.

Zum Einsatz kamen vor allem die digitalen Schließzylinder „3061“, die für Schließanlagen jeder Größe geeignet sind. Sie werden nicht mit einem mechanischen Schlüssel, sondern mit einem programmierbaren Transponder über Funk bedient. Für sämtliche Zylinder der Schließanlage wird nur ein solcher Transponder benötigt – die Zutrittsberechtigungen werden über einen Schließplan vergeben. Dieser Schließplan war in der Allianz Arena bereits innerhalb von drei Monaten programmiert, d.h., es wurde festgelegt, wer wann wo entlang und durch welche Türen hindurch darf: Von Küchenchef und Servicepersonal, von der Reinigungskraft bis zur Polizei. Und wenn mal ein Transponder verloren geht, wird er einfach für das System gesperrt.


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