Mehr als nur Vernetzung und systematischer Wissensaustaus

Das Neue Europäische Bauhaus

Unter dem Titel „Neues Europäisches Bauhaus“ (NEB) wurde im September 2020 von der EU-Kommission (KOM) durch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein ambitionierter und weitreichender Prozess eingeleitet, der einen Beitrag zur Umsetzung der Renovierungswelle, ­der Zielstellung des europäischen Green Deals, leisten soll. Als zentrale Aspekte des Neuen Europäischen Bauhauses werden Nachhaltigkeit, ­Ästhetik und Inklusivität adressiert.

So präsentiert sich die Initiative als ökologisches, wirtschaftliches und zugleich kulturelles Projekt und versteht sich als Kreativitätsinitiative, mit der die Grenzen zwischen Wissenschaft und Technologie, Kunst, Kultur und sozialer Inklusion überwunden und mithilfe von interdisziplinärem Handeln neue Lösungen für Alltagsprobleme erarbeitet werden sollen.

Vor dem Hintergrund der aktuell laufenden Findungsphase zum NEB fand auf Einladung des BMI – federführend innerhalb der Bundesregierung, in Zusammenarbeit mit AA, BKM, BMBF, BMEL, BMU und BMWI – am 6. Mai 2021 ein erstes nationales Dialoggespräch als Auftakt zu einem innovativen und partizipativen Prozess in Deutschland statt. Dies geschah auf Betreiben der Bundesregierung, um sich mit den nationalen Partnern – Dachverbänden, Stiftungen, wissenschaftlichen Einrichtungen, interessierten Kreisen etc. – zu den Zielen der Initiative zu verständigen. Darüber hinaus sollte der EU-Kommission das Verständnis der beteiligten Kreise übermittelt und damit zur Schärfung der Inhalte – nicht zuletzt hinsichtlich beabsichtigter Pilotprojekte im Rahmen der NEB-Initiative – beigetragen werden. Im Weiteren soll auch die Nichtfachöffentlichkeit aktiv beteiligt werden.

Das vorliegende Positionspapier ist eine erste Zwischenbilanz der bisherigen Diskussion. Diese fand und findet in einem Kontext statt, der weit über das unmittelbare Bauwesen hinausreicht. Die Herausforderungen sind:

 Nach Anwendung des Quellprinzips des BundesKlimaschutzgesetzes entfallen etwa 14% der direkten Emis­sionen auf den Gebäudesektor. Wird jedoch das Verursacherprinzip angewendet, ist das gesamte Handlungsfeld Gebäude für etwa 40% der gesamten Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich.

Der Gebäudesektor hat das im Bundes-Klimaschutzgesetz festgelegte Emissionsbudget für das Jahr 2020 verfehlt.

 Die Transformation des Gebäudebestands und der Wertschöpfungskette Bau in Richtung Klima- und Treib­hausgasneutralität 2050 bzw. 2045 ­erfordert immense Anstrengungen.

Die prognostizierte Zunahme von ­Extremwetterereignissen wie überdurchschnittlich heiße Tage, Stürme oder Starkregen in Deutschland wird Städte und Gebäude zunehmend fordern.

 Die Bezahlbarkeit des Bauens und Wohnens als bedeutsames gesellschaftspolitisches Thema darf nicht in problematische Konkurrenz zu Fragen des Klimaschutzes und der Klimaanpassung gestellt werden.

Damit wird deutlich, dass es eine neue Strategie und ein neues Handeln braucht. Denn der scheinbar unüberwindbare Konflikt zwischen unseren ressourcenverbrauchenden Gewohn­heiten, einer wachstumsorientierten Wirtschaft (mit großteils negativen ­Klimaauswirkungen) und dem nachvollziehbaren gesellschaftlichen Grundbedürfnis, auch in Zukunft gut leben zu können, ist aufgrund der knappen Zeit für die Erreichung der festgeschriebenen Klimaziele nur durch ein Umdenken in Richtung nachhaltige Entwicklung zu entschärfen. In Anbetracht der Klima- und Treibhausgasproblematik muss „Fortschritt“ neu definiert werden. Doch wie kann dieses Umsteuern gelingen? In Forschung und Teilen der Praxis wird die nachhaltige und damit auch klima­gerechte Entwicklung des Bauwesens seit vielen Jahren auf unterschiedlichen Ebenen vorangetrieben. Dieses gewonnene Wissen sowie die neu gesetzten Anreize und Rahmenbedingungen ­müssen genutzt werden, um das Planen, Bauen und Betreiben von Gebäuden in seiner Gesamtheit grundlegend zu verändern oder gar zu erneuern. Die Ini­tiative adressiert die Transformation des Bauwesens als eine Gemeinschaftsauf­gabe, die von einem neuen Narrativ als Treiber und Wegweiser getragen wird. Ziel ist, den Entwicklungsprozess gesellschaftlich zu verankern, eine neue Haltung gegenüber der Gestaltung von Lebensräumen zum Ausdruck zu bringen und den Umgang mit dem Bestehenden in den Mittelpunkt zu rücken. Denn es geht um nicht weniger als einen Kulturwandel.

Der Rekurs auf das historische Bauhaus kann ein Garant dafür sein, dass der Green Deal und der erforderliche Paradigmenwechsel keine technokratische oder rein ökonomische Angelegenheit sind, sondern ein integrativer und ganzheitlich gedachter Ansatz, der die sek­toral beschrittenen Entwicklungspfade zusammenführt. Der Blick auf das Bauhaus zielt nicht auf eine Verklärung von dessen Wirkungsgeschichte. Vielmehr geht es dabei exemplarisch um das Narrativ des Aufbruchs und der Innovation zugunsten eines ganzheitlichen kreativen Gestaltungswillens für eine neue Gesellschaft. Deshalb muss der Begriff „Bauhaus“ adäquat ins Heute übersetzt werden. In diesem Sinne schafft das NEB ein interdisziplinäres kreatives Denk- und Umfeld. Es fördert und fordert ­einen Perspektivenwechsel, um die ­Gestaltung der Lebensräume der Zukunft durch neue Organisationsformen, veränderte Regeln und Strukturen ebenso wie neue Formen der Zusammenarbeit als Grundvoraussetzungen voranzutreiben, damit eine Bauwende überhaupt gelingen kann.

Das neue Europäische Bauhaus gliedert sich in drei Phasen: Gemeinsame Gestaltung, Realisierung und Verbreitung.

Diese Phasen überschneiden sich, da die an den ersten Ideen interessierten Personen und Gruppen mit größter Wahrscheinlichkeit zu Partnern werden und dann an der Umsetzung und Ausweitung der Initiative beteiligt sind. Das neue Europäische Bauhaus bindet die Beteiligten frühzeitig durch offene Gespräche ein, um das Konzept in einem breiten gemeinsamen Gestaltungsprozess zu entwickeln. Parallel dazu muss ein Rahmen für die Realisierung der ­Initiative im Einklang mit der laufenden Planung des mehrjährigen Finanzrahmens entstehen.

Gemeinsame Gestaltung –
Oktober 2020 bis 2021

Dies war die Anfangsphase zur Gestaltung der Bewegung durch Zusammenführung von allgemein anerkannten ­konkreten zeitgenössischen Beispielen, die Grundsätze des neuen Europäischen Bauhauses verkörpern. Die inspirierenden Beiträge waren ­allen Interessierten dabei nützlich, ­Debatten zu organisieren, anzustoßen und zu führen. Als Inspirationsquelle für Gespräche und zur Strukturierung neuer Ideen und Erkenntnisse diente ein entsprechendes Toolkit.

Ein mit renommierten Vertretern aus Theorie und Praxis besetzter eingerichteter Runder Tisch dient als Resonanzboden für Ideen und als Gemeinschaftsbotschafter. Die Teilnehmer brachten ihre ursprünglichen Visionen in die Gestaltungsphase ein.

Ausgehend von den gesammelten Beispielen und den durch sie angeregten Gesprächen wird deutlich werden, wie die Initiative „Neues Europäisches Bauhaus“ die Schaffung attraktiver, nachhaltiger und inklusiver Orte fördern und unterstützen kann.

In dieser Gestaltungsphase wurden fast 2000 Beiträge – Beispiele, Ideen, Herausforderungen usw. – erfasst. ­Privatpersonen und Institutionen haben mehr als 200 Papiere und Essays eingereicht, und auf lokaler Ebene wurden in ganz Europa und darüber hinaus zahlreiche Gespräche geführt. Das gesamte Material ist nun unter www.europa.eu/new-european-bauhaus verfügbar, damit Sie Verbindung zu den Organisatoren aufnehmen und sich eine Vorstellung der Beiträge machen können.

Auf die im April ausgelobten NEBauhaus-Preise gingen zahlreiche Reaktionen ein: herausragende zeitgenössische Beispiele, die in eigener Art und Weise bereits Nachhaltigkeit, Erfahrungsqua­lität und Inklusion miteinander verbinden. Die besten Einsendungen wurden im Sommer 2021 prämiert.

Realisierung – ab September 2021

Diese Phase begann mit der Einrichtung und Durchführung von Bauhaus-Pilotprojekten mit Unterstützung durch ­spezifische Aufforderungen zur Einreichung von Vorschlägen. Diese werden im Rahmen einer „Praxis-Gemeinschaft“ aufmerksam verfolgt und überwacht, um die in diesen ersten Experimenten gewonnenen Erkenntnisse leichter austauschen zu können.

Der Schwerpunkt der Verbreitungsphase liegt dann auf der Verbreitung guter ­Ideen in- und außerhalb Europas. Dabei geht es um Vernetzung und Wissensaustausch mit dem Ziel, offene und reproduzierbare Methoden, Lösungen und Prototypen zu ermitteln und sie Städten, Gemeinden, Architekten und Designern zur Verfügung zu stellen. Von entscheidender Bedeutung wird die Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen und Hochschulen zur Stärkung der institutionellen Kapazitäten von Städten sein.

Über die Aufforderung zur Einreichung von Vorschlägen hinausgehende flankierende Initiativen und zusätzliche politische Instrumente werden die Bewegung weiter strukturieren und über digitale Netze und Plattformen verbreiten.

Verbreitung – ab Januar 2023

In der dritten Phase liegt der Schwerpunkt auf der Erweiterung und Verstärkung der herausgebildeten Ideen und Maßnahmen und dem Erreichen einer breiteren Öffentlichkeit in Europa und weltweit.

Von besonderer Bedeutung wird es dabei sein, die Offenheit der Gespräche zu wahren und die Beteiligten in bestehende Netze einzubinden.

Schließlich wird das neue Europäische Bauhaus das Entstehen von Leitmärkten für attraktive, nachhaltige und ­inklusive Lebensweisen unterstützen.

Maßgeblich beteiligte Ministerien

Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI)

Auswärtiges Amt (AA)

Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM)

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU)

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWI)

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