HR-Experten sehen Handlungsbedarf bei Veränderungsbereitschaft und Flexibilität

Studie „Digitale Arbeitswelt“

Mangelnde Flexibilität droht zum Fachkräftemangel des Digital-Zeitalters zu werden, das Potential digitaler Lernangebote für die Aus- und Weiterbildung wird nicht ausgeschöpft und insbesondere die Geringqualifizierten auf dem Arbeitsmarkt geraten in Zukunft immer stärker unter Druck. Das sind die Hauptergebnisse der Studie „Anforderungen der digitalen Arbeitswelt“ des Instituts der deutschen Wirtschaft Consult (IW Consult) im Auftrag des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM).

Die aktuelle Studie untersucht, wie Weiterbildung und digitale Bildung für den Arbeitsmarkt der Zukunft aus-sehen und wie sich der Bedarf an Qua-lifikationen und Kompetenzen dabei verändert. Fast 700 HR-Manager aus Deutschland wurden im Rahmen der Untersuchung befragt. Sie sehen derzeit in ihren Unternehmen den Kompetenzbedarf beim beruflichen Fachwissen „voll und ganz“ (31,6 %) oder „eher“ (64,8 %) gedeckt. Im Bereich der Veränderungsbereitschaft und Flexibilität von Mitarbeitern besteht in den Unternehmen der Befragten hingegen aktuell der größte Nachholbedarf. Lediglich 6,8 % sehen diesen in ihrer derzeitigen Belegschaft „voll und ganz“ gedeckt.
Bei 44,1 % ist er „eher gedeckt“, auch dies ist der niedrigste Wert unter den abgefragten Kompetenzen. Dieser Befund ist
besorgniserregend, weil Veränderungsbereitschaft und Flexibilität von den befragten HR-Managern bereits heute zu den wichtigsten Kompetenzen gezählt werden – zusammen mit Fachwissen und IT-Anwenderkenntnissen. Und für die Zukunft sehen die Personalexperten die Bedeutung dieser Kompetenzen noch weiter wachsen.

 

Neuer Bildungskanon
für die digitale Arbeitswelt

„Fachwissen, IT-Wissen sowie soziale und personale Kompetenzen bilden den neuen Bildungskanon für die digitale Arbeitswelt. Wenn Deutschland auch morgen noch Tüftlernation und Exportweltmeister sein will, dann müssen wir unser Schulsystem sowie die Institutionen der beruflichen Aus- und Weiterbildung konsequent auf diese drei Qualifikations- und Kompetenzfelder ausrichten. Die
Politik sollte die Voraussetzungen für
eine Wissensvermittlung schaffen, die
eben dem faktischen Wissen auch genügend Raum für die Entwicklung der dringend benötigten sozialen und personalen Kompetenzen lässt. Sonst sind fehlende Veränderungsbereitschaft und Flexibilität in der digitalen Arbeitswelt das, was der Fachkräftemangel heute ist – eine Bremse für Wachstum und Wohlstand,“ sagt Dr. Elke Eller, Präsidentin des Bundesverbandes der Personalmanager.

 

Potentiale digitaler Lernmedien werden derzeit nicht ausgeschöpft

Die Befragung zeigt, dass digitale Lernmedien derzeit vor allem genutzt werden, um das berufliche Fachwissen der Mitarbeiter zu aktualisieren. Rund 85 % der HR-Manager berichten, dass sie zu diesem Zweck mehrfach (43,8 %) oder vereinzelt (41,4 %) eingesetzt wurden. Demgegenüber kommen sie zur Erweiterung von sozialen und persönlichen Kompetenzen in den befragten Unternehmen deutlich seltener zum Einsatz. So fördern nur rund ein Viertel der Unternehmen, die bei einem Großteil ihrer Mitarbeiter ein hohes Maß an Veränderungsbereitschaft und Flexibilität voraussetzen, diese Kompetenz bislang mithilfe von digitalen Lernangeboten. Oft verbreitet ist derzeit eine Mischung aus digitalen Lernangeboten und Präsenzlernen: Rund 80 % der in der BPM-Studie befragten HR-Manager sagten, dass sie bereits das sogenannte „Blended Learning“ einsetzen. Dabei können Lernvideos der Vermittlung von Faktenwissen dienen und eine Grundlage schaffen, während Lehrveranstaltungen und Workshops die Möglichkeit zur sozialen Interaktion bieten.

Digitale Lernangebote werden in den Unternehmen bereits oft genutzt. Rund drei Viertel der Personalmanager (74,3 %) berichten, dass Lernvideos, Podcasts oder Audiomodule in ihrem Unternehmen eingesetzt werden. Bei 68,4 % der Unternehmen findet der Wissensaustausch über firmeninterne kooperative Lernplattformen, Wikis oder Foren statt. Dabei zeigt sich, dass HR-Manager, die in ihrem Unternehmen bereits Erfahrungen mit bestimmten digitalen Lernangeboten gesammelt haben, diese jeweils für erfolgversprechender halten als die übrigen Befragten. Dies gilt insbesondere für den Einsatz in der Aus- und Weiterbildung im eigenen Unternehmen.

Darüber hinaus zeigt die Befragung der HR-Experten: Der oft beklagte Fachkräftemangel ist Realität. Im Jahr 2017 waren die befragten Unternehmen häufig von Rekrutierungsproblemen bei der Suche nach Fachkräften betroffen. Bei Akademikern sind die Probleme besonders stark ausgeprägt: 60,7 % der befragten Personalmanager geben an, dass sie im Jahr 2017 große oder mittlere Schwierigkeiten bei der Suche nach neuen Mitarbeitern mit Hochschulabschluss hatten. Bei der Rekrutierung von Aus-zubildenden waren die befragten Unternehmen ebenfalls in erheblichem Maße von Rekrutierungsproblemen betroffen (35,3 % der Befragten berichteten von großen oder mittleren Problemen) wie bei der Suche nach neuen Mitarbeitern mit abgeschlossener Berufsausbildung (40,5 %). Demgegenüber berichten die befragten HR-Manager nur vereinzelt von nennenswerten Problemen bei der Rekrutierung von Mitarbeitern ohne abgeschlossene Berufsausbildung (15,9 %).

 

Je höher das Qualifikationsniveau, desto höher ist der Personalbedarf

Beim Blick in die Zukunft setzt sich dieser Trend fort. Dabei gilt: Je höher das Qualifikationsniveau ist, desto häufiger erwarten die HR-Manager einen steigenden Personalbedarf. Bei Mitarbeitern ohne abgeschlossene Berufsausbildung zeigt sich dagegen ein komplett anderes Bild: Die Personalmanager rechnen deutlich häufiger mit einem sinkenden (24,2 %) als mit einem steigenden Personalbedarf (6,3 %). Zudem gibt fast die Hälfte der befragten HR-Manager an, dass diese Qualifikationsgruppe aktuell und zukünftig in ihrem Unternehmen nicht relevant ist. Geringqualifizierte werden auf dem digitalen Arbeitsmarkt immer stärker unter Druck geraten.

Dr. Eller dazu: „HR-Experten kennen den Qualifikations- und Kompetenzbedarf ihrer Unternehmen sehr genau. Die Ergebnisse der Befragungen zeigen, wie schwierig es für Beschäftigte ohne Berufsausbildung auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft wird. Deshalb brauchen wir eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie wir diese Gruppe auch in Zukunft in Arbeit bringen. Der betrieblichen Weiterbildung kommt hier eine besonders wichtige Aufgabe zu. Sie wird von der Kür zur Pflicht in der digitalen Arbeitsweit und muss politisch stärker gefördert werden.“

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