Innovative Hersteller dominieren den Wettbewerb im nachhaltigen Bauen

Produkte als Erfolgsfaktoren

Der Klimagipfel in Paris im Dezember 2015 brachte ein überraschendes Ergebnis. Nach 20 Jahren regelmäßiger UN-Klimakonferenzen mit halbherzigen und ablehnenden Erklärungen werden erstmals konkrete Investitionen zugesagt zur Abwehr des Climate Change. Wird nun auch im Bauen ein Sustainability Approach möglich?

Die Rede ist vom „Eintritt in ein neues Industriezeitalter“ (Die Zeit v. 10. Dezember 2015). Während bisher aus wirtschaftlichen Gründen angemessene Maßnahmen zur CO2-Reduzierung unterblieben, sind es nun ebenfalls wirtschaftliche Gründe, die ein neues Denken einleiten: Klimafreundliche Technologien haben eine Schwelle überschritten – sie rechnen sich! Der amerikanische Außenminister Kerry sagte in Paris „Die Produkte, die unser Leben verbessern, werden kommen“.

In großem Umfang gilt das für Produkte der Bauwirtschaft und baubezogener Industriezweige. Immer mehr Erzeugnisse und Systemlösungen verwandeln die unzeitgemäße Carbon Economy durch erneuerbare Energien oder – wesentlich effizienter – durch Reduzierung des Energieverbrauchs. Der Markteintritt solcher Neuerungen erfolgt aber immer weniger durch Anschubinvestitionen aus staatlichen Fördermitteln. Ausschlaggebend sind jetzt Effizienzerfolge im wirtschaftlichen Wettbewerb. Wer im heutigen Baugeschehen in der „Energiewende“ denkt – d. h. zusätzlich zu investiven Baukosten auch Betriebskosten beachtet – kann feststellen, dass in den letzten Jahren überraschende Marktverschiebungen stattgefunden haben:

Zertifizierungssysteme verändern das Bauen

Die internationalen und nationalen Zertifizierungssysteme verändern die Definition der Bauaufgaben und verstärken die Einflussmacht von Bauherren und Nutzern. Mittlerweile definieren Zertifizierungen durch Systeme wie DGNB / LEED / BREEAM / BNB die Bauaufgaben in Perspektiven der Nachhaltigkeit und bewirken in Projektabläufen integrale Planungsprozesse – bis hin zu Überprüfungen in den laufenden Betriebsjahren.

Gebäudetechnik und Baukonstruktion in Wandel

Systeme und Produkte der Gebäudetechnik relativieren traditionell baukonstruktive Lösungen. Ein typisches Beispiel ist die jahrzehntelang geführte Kontroverse zwischen natürlicher Fensterlüftung und mechanischer Lüftung. Veränderte Anforderungen an die Dichtigkeit der Gebäudehülle haben nun mechanische Lüftungssysteme schlagartig aufgewertet. Hinzu kommen hohe Qualitätsvorteile für die Raumluft. Die nachweisbar sinkende Produktivität in Unterrichtsgebäuden und in Bürogebäuden durch ansteigende CO2 Werte kann durch den Einsatz geregelter lüftungstechnischer Anlagen vermieden werden – mit signifikant höherer Nutzungseffizienz.

Bauteiltausch im Bestand

Der Bauteiltausch im Bestand kann auch vor Ablauf der physischen Lebensdauer kann oft die Energieeffizienz in Gebäudebeständen  verbessern. Und dies oft mit gering investiven Maßnahmen! Typische Beispiele sind der Tausch von Pumpen, Ventilatoren oder Beleuchtungen, der sich sogar bei hohen Restlebensdauern aufgrund von Energieeinsparungen bereits nach wenigen Jahren amortisiert.

Mehr Automationstechnik
im Gebäude

Der bisher langsame Einzug der Automationstechnik in die Gebäudewelt beschleunigt sich. Denn die energetische Effizienz in Gebäuden ist wesentlich abhängig vom Zusammenwirken der Eigenschaften von baukonstruktiven und gebäudetechnischen Bestandteilen. Eine Schlüsselstellung hat hier die Gebäudeautomation und die daraus entwickelte Raumautomation.

Produkthersteller werden erfolgs-kritische Partner

Diese Trends hängen nicht nur eng zusammen, sie sind zudem auch Teil eines kompletten Strukturwandels der Bau- und Immobilienwirtschaft. Bemerkenswert ist die sich verändernde Position der Hersteller von Bauprodukten. Bislang führten sie eine Art Schattendasein am Ende baubezogener Wertschöpfungsketten. In dem Maße, wie nun Produkteigenschaften die Effektivität und Effizienz von Bauteilen und Systemen erhöhen, werden sie aber zu entscheidungskritischen Akteuren in allen Investitionsphasen.

n  Planer orientieren sich mit wachsendem Aufwand bereits in frühen Entwurfsphasen durch umfangreiche Marktrecherchen über Produktangebote und Herstellerpotenziale.

n   Die in der baubezogenen Rechtsprechung tief verankerte „Produktneutralität“ wird zu einem Flaschenhalsproblem, denn das baurechtlich verankerte Bestimmungsrecht der Bieterfirmen kann immer weniger kompetent ausgefüllt werden – allein schon deswegen, weil sich beschleunigende Innovationsprozesse das zugehörige Produktwissen unübersehbar machen.

n   Erfahrungswissen über Produkteinkauf und Produktanwendungen in Betreiberorganisationen mit großen Immobilien­beständen wird mit wachsender Datentransparenz durch anlagen- / bauteilorientierte Auswertungen von Betriebsdaten zur Grundlage von Beschaffungsprozessen – besonders, wenn Ziele der Nachhaltigkeit zu beachten sind.

n   Hersteller erweitern ihre ProduktInformationen auf dieser Basis durch Referenzen erfolgreich realisierter Produktanwendungen.

Industrielles Bauen erfährt eine Renaissance

Das in Vergessenheit geratene „Industrielle Bauen“ erfährt mehrere Neuauflagen. Dazu gehören Fertigteil-Technologien für Fassaden, aber auch für komplette Bausysteme. Damit einher gehen industrialisierte Konzepte der Baulogistik. Übergreifend werden BIM-Systeme (Building Information Modeling) Planungs- und Managementprozesse umformen – als Beitrag zur Digitalisierung der Bauwirtschaft. Die Akteure des Bauens kommen also in Bewegung und müssen ihren Marktauftritt überdenken. Die Prüfung der eigenen Organisation auf „Nachhaltigkeit“ kann aber auch fehlgehen. Besonders Ausführende Firmen, die als Generalunternehmer oder als ÖPP-Unternehmer agieren, müssen aus dem Scheitern groß angelegter Reorganisationen Lehren ziehen. Es geht zukünftig nicht nur um die Verlängerung von Wertschöpfungsketten – sondern in erster Linie um die Inszenierung ausgewählter erfolgskritischer Bauprodukte und Systeme. Gefragt ist, was Bauherrn, Nutzer und Betreiber benötigen – also der durch Produkte generierte Kundennutzen.

Wesentlich für zukünftigen Bauerfolg sind solche Planungs- und Bauleistungen, die Bauwerke aus geeigneten Bestandteilen konfigurieren – dadurch qualitativ und wirtschaftlich Perspektiven der Nutzbarkeit und Dauerhaftigkeit eröffnen und im Betrieb bis zur Entsorgungsphase nachweisbar machen (Grafik 1). Dazu ist allerdings ein Zusammenspiel der Bauakteure erforderlich, in der die Hersteller erfolgskritischer Bauteile und Anlagen nicht länger am Ende von Entscheidungsketten angesprochen werden. Deren Kompetenz gehört im international sich etablierenden Sustainability Approach zugleich an deren Anfang in den Entwurfsphasen und an deren Ende. Dazu Beispiele aus aktuellen Bauprojekten unserer Planungsteams und Ergebnisse aus eigener Forschungsarbeit (Forschungsinitiative ZukunftBAU):

Licht in Klassenräumen – Bestlösungen bei Energieeffizienz und visueller Qualität

In einer vom Autor methodisch begleiteten Schulsanierung wurde für Klassenräume als Optimierungsziel festgelegt: Maximal mögliche Nutzung von Tageslicht, bestmögliche Qualität bei Kunstlicht, verbunden mit optimalen Lebenszykluskosten. Die Lösung bestand in einer Kombination aus einem hocheffizienten innovativen Lichtlenksystem beim Sonnenschutz und einer Regelung des Kunstlichts durch Restlichtsensoren. Sowohl die Lichtlenksysteme als auch die Beleuchtung werden geregelt durch eine moderne Raumautomation (siehe Grafik 2). Die Optimierung dieser Teilsysteme wurde eingeleitet durch umfangreiche Marktrecherchen. Nach Ermittlung der „engeren Wahl“ relevanter Produkte folgt die Bemusterung der ausgewählten alternativen Sonnenschutzanlagen mit Lichtlenkung in Testräumen. Dieser zusätzliche Schritt wurde erforderlich, um die tatsächliche „Performance“ der noch zu wenig bekannten innovativen Produkte herauszufinden. Gemessen wurde der von Lamellen reflektierte Lichteintrag in der gesamten Raumtiefe. Ergänzt durch subjektive Beurteilung für Durchsicht und Blendfreiheit (Schulnoten) entstand eine Entscheidungshilfe als Nutzwertanalyse.

Das dadurch veränderte Ausschreibungsverfahren eröffnete einen „Performance-Wettbewerb“, der auch die Angebotsstrategie der Bieter veränderte. Die an Lebenszykluskosten orientierte Ausschreibung ergab überraschend auch günstige Anschaffungskosten. Aber auch wenn – wie es die durchgeführte Marktanalyse nahelegte – Mehrkosten bei der Investition aufgetreten wären, hätten sie sich durch Energieeinsparungen bei weniger Kunstlicht bereits nach wenigen Jahren amortisiert.

Raumluftqualität in Klassenräumen durch innovative RLT Anlagen

Der Einsatz dezentraler Lüftungsgeräte, kombiniert mit bedarfsorientierter Regelung der Raumautomation erwies sich als deutlich vorteilhafter gegenüber natürliche Lüftung durch periodisches Öffnen der Fenster. Zwar können Fenster immer noch geöffnet werden, aber nicht in stündlicher Frequenz. Das ist möglich, weil CO2-Sensoren über den gesamten Unterrichtsverlauf die Belüftung durch raumweise installierte Lüftungsgeräte mit minimiertem CO2 -Gehalt regeln – und damit nachweisbar die Konzentration und Leistungsfähigkeit der Schüler auf höchstmöglichem Niveau gesichert wird.

Erfolgsformel: Geringere Lebenszykluskosten plus erhöhte Nutzungsqualität

Diese Beispiele machen eine Regel erkennbar, nach der „Lifetime Quality“

realisierbar ist: Immer dann, wenn bauliche Innovationen nicht nur deutliche Verringerungen der Anlagen-Lebenszykluskosten bewirken – verbunden mit kurzfristiger Amortisation investiver Mehrkosten aus Einsparungen durch Energieeffizienz – sondern zugleich auch Komfort und Nutzungsqualität erhöhen – haben sie echte Erfolgsaussichten, bestehende Eintrittsbarrieren zu überwinden.

Fazit

Wesentlich für zukünftigen Bauerfolg sind daher Planungs- und Bauleistungen, die Bauwerke aus hochwertigen Bestandteilen konfigurieren. Sie eröffnen qualitativ und wirtschaftlich Langzeit-Perspektiven der Nutzbarkeit. Daraus ergibt sich aber eine bis heute noch wenig umgesetzte Forderung an Planer und Hersteller: Die erwartete Performance im Betrieb muss auch nachweisbar sein ! Dazu ist allerdings ein Zusammenspiel der Bauakteure erforderlich, in der die Anbieter erfolgskritischer Produkte und Systeme nicht erst am Ende der Planungsprozesse einbezogen werden. Im international sich etablierenden Sustainability Approach muss produktgenerierter Nutzen sowohl am Anfang einer Investition „inszeniert“ (Entwurfsphasen) als auch an deren Ende nachgewiesen werden (Nutzen und Betreiben).