Warum die Verbesserung der Energieeffizienz neue Leistungsbilder für TGA-Anbieter schafft

Neue Geschäftsmodelle!

Rund 40 % des gesamten Endenergieverbrauchs gehen in der Euro­päischen Union auf das Konto des Immobiliensektors: Heizung, Kühlung, Lüftung, Warmwasser und Beleuchtung schlagen in der Energiebilanz der EU-Staaten jährlich mit ca. 460 Mio. t Rohöl-Einheiten zu Buche. Das macht den Immobiliensektor zu einem entscheidenden Baustein in der europäischen Energiepolitik. Und die Komplexität der der Energieerzeugung nimmt zu – dies hat ebenfalls Auswirkungen auf das Technologieportfolio der TGA-Anbieter.

Politische Rahmenbedingungen

Das 2007 beschlossene 20-20-20-Ziel der Europäischen Union soll bis 2020 die Energieeffizienz um 20 % verbessern; Indikator dafür ist die Verringerung des Primärenergieverbrauchs. 2011 zeichnete sich ab, dass diese Zielmarke bei einer Fortschreibung der bisherigen Trends deutlich verfehlt werden würde. Die neue Energieeffizienz-Richtlinie soll das Ruder herumreißen. Die am 4. Dezember 2012 in Kraft getretene Richtlinie 2012/27/30 umfasst zahlreiche Vorgaben, die von den EU-Mitgliedsstaaten umzusetzen sind. Ein wichtiger Teil der Maßnahmen betrifft die effiziente Wärme- und Kälte­erzeugung sowie den Ausbau hocheffi­zienter Kraft-Wärme-Kopplung.

Eine Verbesserung der Energieeffizienz von Immobilien kommt nicht nur der Umwelt zugute, sondern auch den Eigentümern und Nutzern. Eine Senkung des Ressourcenverbrauchs wird die Effekte der voraussichtlich stark anziehenden Energiepreise lindern. 2020 wird Heizöl möglicherweise knapp 60 % teurer sein als heute.

Die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen auf EU-Ebene und der wachsende (Preis-) Leidensdruck der Eigentümer und Mieter setzen neue Akzente in der Immobilienwirtschaft. In den letzten Jahren hat sich auf dem Immobiliensektor in Europa der Leitmarkt Energie- und Ressourceneffizienz entwickelt, der alle Produkte und Dienstleistungen umfasst, die durch energetische Sanierung und hocheffiziente Neubauten die Energieeffizienz von Gebäuden verbessern. Das Volumen dieses Leitmarktes liegt nach Berechnungen von Roland Berger Strategy Consultants bei 198 Mrd. € und soll bis 2020 auf 380 Mrd. € wachsen. Mit einem Volumen von rund 90 Mrd. € bildet die Technische Gebäudeausrüstung das größte Segment des Leitmarktes, gefolgt von der Gebäudehülle und Immobilienbetrieb.

Auswirkungen

auf die TGA-Anbieter

Bislang gibt es noch einige Hindernisse, die einer Verbesserung der Energieeffizienz im Gebäudesektor im Weg stehen. Als Hemmnisse für „grüne Investitionen“ benennt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vor allem die „vielfältigen Akteure, Aufsplittung finanzieller Anreize zwischen Mietern und Eigentümern“ sowie „Vorbehalte gegenüber der Energieeffizienz aus Wissensmangel“. Beim Abbau dieser Hürden ist nicht allein die Politik gefordert. Auch die Anbieter können – und müssen –
einen Beitrag leisten. Kunden wollen keine unnötige Komplexität, die mit dem Management verschiedener Schnittstellen einhergeht. Komplett­lösungen sind gefragt, die alle Stufen der Wertschöpfungskette abdecken – von der Planung über die Ausführung und Instandhaltung bis zur Finanzierung.

Zunächst ist zu beobachten, dass die Komplexität in der Energieerzeugungslandschaft zunimmt.
Dieser Trend hat Auswirkungen auf das Technologie­portfolio der TGA-Anbieter.

Der politisch gewollte Ausbau der Erneu­erbaren Energien führt bei der Strom- und Wärmeversorgung zu einer Dezentralisierung der Energieversorgung. Immer mehr Haushalte erzeugen selbst Strom und Wärme, etwa mit dem Mikro-Blockheizkraftwerk im Keller und Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach. Weil sinkende Kosten für Photovoltaik-Systeme einerseits und steigende Kosten für fremdbezogenen Strom andererseits den Eigenverbrauch von Solarstrom attraktiv machen, ­werden immer mehr Solarmodule auf Europas Dächer montiert. So entstehen Wachstumssegmente für ­Lösungen, die die Dezentralisierung der Energieversorgung unterstützen, etwa die Integration von Wärme- und Stromspeichern.

Neben der Dezentralisierung hat der derzeit stattfindende Umbau des Energiesystems noch andere Folgen: Die Palette der Energiequellen wird breiter und reicht nun von regenerativen Energieträgern wie Biomasse oder Sonnenenergie über die Nutzung von Umgebungswärme bis hin zum Erdgas oder Heizöl. Die Fähigkeit, unterschiedliche Energiequellen „unter einem Dach“ zu beherrschen, wird zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor, denn die Verbreitung dieser sogenannten hybriden Energiesysteme im Markt nimmt zu: Wärmepumpen, deren Motor mit Erdgas oder Strom betrieben werden kann, weisen steigende Absatzzahlen auf. Auch die Kopplung von Wärme- und Kälteerzeugung mit Photovoltaik-Anlagen spielt eine zunehmend wichtigere Rolle für das Design von TGA-Geschäftsmodellen.

Neue Leistungsbilder

Diese Tendenz verschafft TGA-Unternehmen die Möglichkeit, ihr bisheriges Technologieportfolio zu erweitern und sich dadurch Wachstumspotentiale zu erschließen. Bedingung dafür ist allerdings die Bereitschaft, sich entsprechende Kompetenzen anzueignen.

Bedingt durch die steigende Komplexität im Zuge der Umgestaltung der Energieerzeugungslandschaft entsteht der Bedarf an neuen Leistungsbilder rund um das Thema Energiemanagement. Ein Großteil der regenerativen Energien bedingt eine fluktuierende Einspeisung. Werden die verschiedenen regenerativen dezentralen Stromerzeugungstechnologien als Verbund gesteuert, fällt die gesicherte Leistung insgesamt höher aus, weil es zum Beispiel zwischen Photo­voltaik und Windenergie zu Ausgleichseffekten kommt.

In Berlin hat der Energieversorger
Vattenfall Blockheizkraftwerke und Wärmepumpen zu einem Virtuellen Kraftwerk zusammengeschlossen, das 150.000 Wohneinheiten versorgen soll. Automatisierung und Steuerung stehen auch im Mittelpunkt von neuen Energiedienstleistungen, die TGA-Anbieter im Bereich „Smart Home“ erbringen können. Intelligente Gebäudetechnik managt die dezentrale Erzeugung, Nutzung, Speicherung und Einspeisung von Strom im privaten Eigenheim und in gewerblich genutzten Immobilien. Dazu zählt beispielsweise auch die steuernde Einbindung von Wetterprognosen und bauphysikalischen Eigenschaften der Gebäudehülle.

TGA-Anbieter, die ihr Portfolio mit solchen Energie-Dienstleistungen erweitern wollen, haben perspektivisch die Option, künftig nicht nur die Hardware und Software für solche Verbundlösungen zu installieren und zu betreiben, sondern auch Integrations-, Planungs- und Steuerungsaufgaben zu übernehmen.

Eine steigende Nachfrage nach energie­effizienten Technologien und Dienstleistungen setzt entsprechende Investitionen voraus. Es entsteht ein zunehmender Bedarf an Finanzierungslösungen, gerade bei Liegenschaften der öffentlichen Hand, deren angespannte Etats die Durchführung dringend notwendiger energetischer Sanierungen häufig erschweren. Aber auch die Eigentümer privater und gewerbliche Immobilien können durch
ansprechende Finanzierungsmodelle
zu­sätzlich motiviert werden, verstärkt
in Energieeffizienz zu investieren. Viele TGA-Anbieter ermöglichen ihren Kunden bereits heute in Kooperation mit ­unterschiedlichen Geldinstituten eine ­Finanzierung über Darlehen oder ­Leasing-Varianten.

Ein Geschäftsmodell, das sowohl eine ­Finanzierungslösung darstellt als auch konkrete Ziele zur Verbesserung der Energieeffizienz festschreibt, ist das Einspar-Contracting. Dieses Geschäftsmodell ist eine Option für TGA-Anbieter, die ihren Kunden eine Energielösung präsentieren wollen, die alle Stufen der Wertschöpfungskette umfasst. Der Contractor übernimmt Planung, Finanzierung, Errichtung, Betrieb und Instandhaltung aller Anlagen, die in einem Gebäude der Erzeugung, Verteilung und Nutzung von Energie dienen. Die Erlöse des Contractors bemessen sich an den eingesparten Energiekosten. Das Konstrukt gewährleistet eine hohe Verbindlichkeit: Der Contractor als Anbieter wird in die Pflicht genommen, seine Effizienz-Versprechen zu halten. Dieses Geschäftsmodell existiert schon länger, hat aber bislang noch keinen breiten Durchbruch erlebt. Die ökonomischen Vorteile und die ressourcenschonenden Effekte lassen jedoch hoffen, dass das Einspar-Contracting in den nächsten Jahren eine stärkere Marktdurchdringung erreicht.
TGA-Unternehmen könnten von diesem Aufschwung profitieren und sich als Anbieter von Einspar-Contracting-Lösungen im Wettbewerb differenzieren.

Egal, ob sie ihr Leistungsportfolio erweitern oder neue Stufen der Wertschöpfungskette besetzen – um Wachstumschancen im Leitmarkt Energie- und Ressourceneffizienz zu nutzen, müssen TGA-Unternehmen neue Kooperationen anknüpfen und dabei ihre traditionellen „Gewerke-Grenzen“ verlassen. Hier können sich Vertriebspartnerschaften anbieten, etwa mit Telekommunikationsunternehmen und Energieversorgern. Diese Option kann Rückenwind für den Vertrieb bringen. Beispielsweise hatte E.ON ein Förderprogramm aufgelegt, das Bestandskunden 1.000 € geboten hat, wenn sie ihre Heizkesselanlage durch ein Mikro-Blockheizkraftwerk bestimmter Hersteller ersetzen.

Fazit

Die neuen Spielregeln der Energiepolitik fordern von TGA-Anbietern Flexibilität, Kooperationsfähigkeit und Lernbereitschaft, um ihre Geschäftsmodelle an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Auf diejenigen Unternehmen, die sich diesen Herausforderungen erfolgreich stellen, warten jedoch viel versprechende Wachstumsperspektiven.

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