So schaffen Sie gesunde Büroarbeitsplätze für leistungsfähige Mitarbeiter

Das bewegte Büro

Der zunehmende Bewegungsmangel gilt als Hauptursache für krankheitsbedingte Fehlzeiten. Wer eine performanceorientierte Arbeitswelt­gestaltung erreichen möchte, kommt daher an einer Revision der bisherigen Planungsgrundlagen zu Räumen und Prozessen nicht vorbei: Nicht noch mehr Entlastung und Verdichtung, sondern mehr Bewegung und Entzerrung sind das Gebot für gesunde Büroarbeitsplätze.

Mit der Digitalisierung der Arbeitswelt rückt zum ersten Mal in der Wirtschaftsgeschichte der Mensch selbst in das Zentrum der Wertschöpfung einer auf Wissen basierten Ökonomie. Es geht daher vor allem um zwei zentrale Fragen zur Gestaltung von Arbeitsplätzen und Prozessen: Wie können die Mitarbeiter motiviert und gut arbeiten? Und wie erreicht man, dass sie möglichst lange gesund und bis zum Rentenalter arbeitsfähig bleiben? Dass die bisherigen Verdichtungs- und Entlastungsstrategien ganz offensichtlich in eine Sackgasse führen, zeigt der Blick in die Statistiken der Krankenversicherungen.

Flaschenhals Mitarbeitergesundheit

Bis 2004 nahmen die krankheitsbedingten Fehltage ab, seitdem steigen sie deutlich an mit Schwerpunkt auf Rückenbeschwerden und depressiven Erkrankungen. Die BKK hat in 2014 bei ihren Versicherten im Schnitt 17,6 Krankheitstage gezählt und die Technikerkrankenkasse in 2014 für Deutschland 40 Millionen Fehltage allein durch Rückenbeschwerden errechnet. Das stellt Unternehmen und Gesellschaft nicht nur vor finanzielle Herausforderungen: Angesichts von Fachkräftemangel, demografischem Wandel und verlängerten Lebensarbeitszeiten wird die Mitarbeitergesundheit zum Flaschenhals der Unternehmensentwicklung. Doch nicht nur „Rücken“, sondern viele weitere Störungen des Stoffwechselsystems werden mit den bewegungsarmen Lebens- und Arbeitsstilen in Verbindung gebracht. Sport- und Gesundheitswissenschaftler wie Prof. Ingo Froböse vom Zentrum für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln führen den alarmierenden Anstieg darauf zurück, dass einseitige Entlastungstrategien bei Arbeitsschutz, Ergonomie und Gebäudetechnologie inzwischen zu einer komatösen physiologischen Unterforderung führen. Wird es da nicht höchste Zeit, die bisherigen Grundlagen der Arbeitsweltgestaltung kritisch zu hinterfragen und den aktuellen Forschungsstand zur den notwendigen physiologischen Aktivitäten zu berücksichtigen?

Physiologische und psychologische Destabilisierung im Kontext der Digitalisierung

Die Digitalisierung hat die erforderlichen Bewegungen zur Bewältigung der Arbeit auf die Bedienung von Tastatur, Maus oder Touch-Display reduziert. Das Zentrum für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln geht davon aus, dass inzwischen über 80 % der Rückenschmerzen durch körperliche Unterforderung verursacht sind. Gleichzeitig sind durch die Digitalisierung die mentalen Belastungen deutlich gestiegen: Arbeitsverdichtung, multimediale Störfaktoren, dauernde Erreichbarkeit und fehlende Medienkompetenz führen häufig zu langen Stressphasen. Mentale Überlastung bei gleichzeitiger körperlicher Unterforderung wird als besonders kritische Kombination gesehen: Bei Stress werden Hormone und Neurotransmitter ausgeschüttet, die den Organismus in Alarmbereitschaft und die Muskulatur unter Spannung setzen. Wird diese Disposition nicht in Bewegung umgesetzt, kommt es nicht nur zu muskulären Problemen, sondern auch zu Schädigungen des Stoffwechsel- und Immunsystems bis hin zu depressiven Störungen. Beide Krankheitsbilder sind heute für über 40 % der Fehlzeiten verantwortlich! Andersherum ausgedrückt: Die Bewegungsförderung gehört zu den größten Potenzialen, um Krankheitsbildern mit langen Ausfallzeiten vorzubeugen. Entsprechend gestaltete Einrichtungen, Raumprogramme, Erschließungs- und Wegezonen haben direkte, positive Auswirkungen auf Mitarbeitergesundheit und betriebliche Performance.

Bewegungsfördernde Einrichtungen

Neuartige Sitzkonzepte etwa fördern vor allem die natürliche, dreidimensionale Beweglichkeit des Beckens. Das Zentrum für Gesundheit hat die Auswirkungen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit in zwei Studien (2009, 2011) am Beispiel des Bürostuhls ON von Wilkhahn untersucht. Sie bestätigen, dass solche Bewegungsmöglichkeiten tatsächlich genutzt werden und dass bereits kleine, dafür jedoch häufige und vielfältige Bewegungen zu einer deutlichen Verbesserung bei Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit führen. Doch nicht nur die Arbeit am Schreibtisch sollte in Bewegung gebracht werden, auch die zahllosen Meetings führen als Sitzungen zu einer schlechten Stoffwechselrate. Ein Großteil davon könnte im Stehen durchgeführt werden mit entsprechenden Stehhilfen, die Bewegung mit (Teil-)Entlastung verbinden, um eine Überforderung der Haltemuskulatur zu vermeiden. Mit produktiven Nebeneffekten: Die Meetingdauer sinkt, die Beteiligung steigt und die bessere Durchblutung des Gehirns lässt auch inhaltliche Fortschritte erwarten. Auch in Workshops und Seminaren lassen sich physiologische und mentale Aktivierung verbinden, wenn die Settings auf Selbstorganisation und Beteiligung ausgelegt sind. Gerade bei Change-Projekten ist diese Form der Teilhabe hilfreich für Körper und Geist. Gruppendynamik hat nicht zuletzt viel mit Bewegungsdynamik zu tun.

Den Umgebungswechsel zum Programm machen

Mobilität dank moderner Technologien gilt als Megatrend. In Wirklichkeit aber sind fast alle Funktionen und Aufgaben auf den Desktop verdichtet: Konzentriertes Abarbeiten, E-Mailverkehr, Internetrecherche und selbst Telekommunikation, Videokonferenzen oder kurze analoge Besprechungen finden am selben (Computer-) Arbeitsplatz statt. – Und das häufig im flächenverdichteten Großraumbüro. Die visuellen und akustischen Störfaktoren schaden der Produktivität und machen auf Dauer krank. Was kurzfristig bei der Fläche eingespart wird, muss das Unternehmen durch schlechtere Leistungen viel teurer bezahlen. Neue Organisationskonzepte setzen daher auf differenzierte Raumangebote: vom Team- und Projektbüro über die Denker- und Konzentrationszelle bis zu abgeschirmten informellen Kommunikationsflächen und geschlossenen Besprechungs- und Konferenzräumen. Je nachdem, was gerade ansteht, sucht der Mitarbeiter diejenige Umgebung auf, die ihn bei seiner Aufgabe besonders gut unterstützt. Die räumliche Entzerrung setzt wichtige Bewegungsreize und fördert neben der mentalen Flexibilität auch Begegnungen zwischen den Mitarbeitern.

Technologien zur Mobilisierung nutzen

Anstatt die Bequemlichkeit zu steigern, sollte die technische Ausstattung Bewegungsimpulse setzen. Zentraldrucker erfordern mehr Bewegung und Begegnung – vorausgesetzt, die Druckaufträge werden nach einer überschaubaren Zeit wieder gelöscht. Aufzüge könnten bei Kartenbedienung nur von denjenigen nutzbar sein, die sie auch wirklich benötigen – oder in Hochhäusern beispielsweise in nur jedem dritten Stockwerk halten. Elektronische Buchungssysteme könnten den am weitesten entfernten Raum reservieren und Präsenzmelder auf große Impulsbewegungen ausgelegt werden. Nicht nur die Motten fliegen ins Licht, sondern auch Menschen streben zum Hellen: So können dynamische Lichtsysteme gezielt Bewegungen evozieren. Organisatorisch können Bereiche so verortet werden, dass zusammengehörige Teile bewusst entzerrt sind. Neben der Bewegung macht dies auch interdisziplinäre Begegnungen und entsprechenden Austausch wahrscheinlicher. Und attraktive Treppen könnten den Energiebedarf für Aufzüge senken und gleichzeitig die Verbrennung dort erhöhen, wo sie erwünscht ist: im Stoffwechselsystem der Mitarbeiter. Kurz: Weil vor allem die Verhältnisse das Verhalten der Menschen beeinflussen, kann gerade das Facility Management intelligente Beiträge leisten für eine Arbeitswelt, die in jeder Hinsicht bewegt.

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