FACILITY MANAGEMENT im Interview
Unter dem Motto ‚Moderne Gebäudetechnik ist der Schlüssel zu einem nachhaltigen, energieeffizienten und wirtschaftlichen Gebäudebetrieb‘ wurde im Sommer letzten Jahres der neue gefma Arbeitskreis „Gebäudebetrieb 4.0“ gegründet. Im Gespräch mit FM-Redakteurin Kerstin Galenza erläutert Frank Schröder (Mitglied der Arbeitskreisleitung) welche Themen im Mittelpunkt stehen und welche neuen Impulse der Arbeitskreis setzen will.
Warum braucht das FM
einen weiteren Arbeitskreis innerhalb von gefma?
Der Gebäudebetrieb befindet sich inmitten eines disruptiven Wandels. Jahrzehntelang wurden Gebäude vor allem als physische Infrastruktur betrachtet – geprägt von Beton, Stahl, technischen Anlagen und voneinander getrennten Gewerken. Doch die Digitalisierung, neue regulatorische Anforderungen und die wachsende Bedeutung strukturierter Daten verändern Planung, Betrieb und Instandhaltung grundlegend. Ein zentrales semantisches Datenmodell als Grundlage eines Gebäudes fehlt jedoch in der Regel, dies ist im Zeitalter der Digitalisierung aber ein entscheidender Schlüsselfaktor. Vom Betreiber wird ein As-built-Modell gewünscht – wie es tatsächlich aussehen soll, weiß jedoch meist jede Fachdisziplin nur für ihr jeweiliges Gewerk. Eine ganzheitliche Betrachtung eines vernetzten, gewerkeübergreifenden Datenmodells als Grundlage für den digitalen Zwilling im Gebäudebetrieb fehlt bis heute.
Andere gefma Arbeitskreise, etwa zu Digitalisierung oder Nachhaltigkeit, betrachten wichtige Themenfelder strategisch und aus einer übergeordneten Perspektive. Der Arbeitskreis Gebäudebetrieb 4.0 ergänzt diese Sicht gezielt, indem der Betrieb in den Mittelpunkt gestellt wird: Aus der operativen Realität heraus werden Anforderungen, Prozesse und Schnittstellen betrachtet und in umsetzbare Use Cases übersetzt.
Im Zusammenspiel mit den anderen Arbeitskreisen entsteht so das „große Ganze“: Strategische Ziele werden mit den betrieblichen Notwendigkeiten verbunden und entlang durchgängiger Wertschöpfungsketten wirksam gemacht.
Der Arbeitskreis Gebäudebetrieb 4.0 vereint mit 30 bis 40 Expertinnen und Experten ein breites Spektrum an Fachperspektiven. Vertreter von Betreiberorganisationen, Industrieunternehmen, FM‑Dienstleistern, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Verbänden und Behörden arbeiten in einem multidisziplinären Netzwerk zusammen, das die Vielfalt und Komplexität des künftigen Gebäudebetriebs 4.0 bereits widerspiegelt. Unter der Leitung von Stefanie Radek, Fabian Naethbohm und Frank Schröder sowie mit der organisatorischen Unterstützung durch Annelie Casper und Lisa Bevermann entstehen gemeinsame White Papers, Handlungsempfehlungen und praxisnahe Perspektiven, die direkt in den Arbeitsalltag einfließen sollen.
Was unterscheidet den neuen Arbeitskreis „Gebäudebetrieb 4.0“ von bestehenden Gremien – und welchen konkreten Mehrwert bietet er für FM-Verantwortliche im operativen Alltag?
In dem dynamischen Wandel, den unsere Branche aktuell erlebt, nimmt der gefma Arbeitskreis „Gebäudebetrieb 4.0“ seit seiner Gründung im August 2025 eine Schlüsselrolle ein. Er dient als Austauschplattform, Innovationsmotor, Standardisierungstreiber und Impulsgeber für eine Branche, die zunehmend versteht, dass der Gebäudebetrieb der Zukunft nicht nur technisch, sondern vor allem vernetzt sowie organisatorisch, wirtschaftlich und kulturell neu gedacht werden muss – nach den Spielregeln der IT.
Der gefma Arbeitskreis trägt maßgeblich dazu bei, dieses Verständnis zu verbreiten. Die Mitglieder entwickeln konkrete Betreibervorgaben, Qualitätskriterien, Prozessmodelle, Schnittstellenanforderungen und Standardisierungsempfehlungen, die direkt in der Praxis angewendet werden können.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Verbindung von Forschung und Praxis. Dadurch soll der Problematik Rechnung getragen werden, dass bestehende Prozesse im Tagesgeschäft häufig verhindern, Innovation konsequent neu zu denken. Durch die Kombination aus Mitgliedern des Arbeitskreises, welche forschen und Mitgliedern, die operativ umsetzen, entsteht eine praxis- und industrieorientierte Innovationskultur, die es schafft, neue Ansätze auch wirklich step by step in die Praxis zu bringen und die Wertschöpfungskette neu zu denken. Perspektivisch liegt der Mehrwert des Gremiums in der Etablierung eines aus Betreibersicht fokussierten Datenraums auf Basis eines Betreiberdatenmodells, bei dem der Betreiber Struktur, Standards und Schnittstellen definiert. Dadurch werden betriebliche Daten nicht länger verteilt in unterschiedlichen Systemen und Einzellösungen gehalten, sondern standardisiert zusammengeführt und für Anwendungen nutzbar gemacht. Auf dieser Grundlage können beispielsweise dynamische Strompreise mit Betriebsdaten flexibler Verbraucher (z. B. HLK, Ladeinfrastruktur, Speicher) verknüpft sowie eine bedarfsgerechte Instandhaltung als Weiterentwicklung weg von zyklusbasierten Wartungsintervallen ermöglicht werden. Zugleich reduziert dieser Ansatz Vendor-Lock-in, erleichtert die Integration neuer Innovationen und schafft durch strukturierte Daten die Grundlage, KI belastbar einzusetzen.
Das für Mai 2026 geplante Treffen im Smart‑Building‑Reallabor der Hochschule Mainz demonstriert die konsequente Ausrichtung auf reale Anwendungsszenarien. Dort werden die Mitglieder ein Bestandsgebäude als dynamisches, datengetriebenes System erleben: Die Hochschule forscht an einer interoperablen, herstellerneutralen Smart Building Plattform die IT/OT‑Architektur, IoT Sensorik, klassische Gebäudeautomation und Cloud‑Analytics in Echtzeit verbindet. Das Reallabor zeigt eindrucksvoll, wie Energieflüsse, Raumzustände, Nutzerinteraktionen, technische Anlagen und Wartungsinformationen in einem Digitalen Zwilling zusammengeführt werden können, der weit über die Anforderung der Dokumentation hinausgeht.
Wo sehen Sie aktuell die größten Effizienzpotenziale durch Digitalisierung und vernetzte Gebäudetechnik im Facility Management?
Die Veränderungen der Gebäudetechnik sind fundamental. Wo früher getrennte Gewerke wie Heizung, Lüftung, Klima, Beleuchtung oder Sicherheit weitgehend autark agierten und Daten nur im jeweiligen Silo genutzt werden konnten, entstehen heute vernetzte Gebäude- Ökosysteme. Gebäude liefern eine Vielzahl an Datenpunkten – von Raumklima über Energieverbrauch bis zu Anlagenzuständen und Prognosen. Die Herausforderung liegt längst nicht mehr ausschließlich in der Datenerfassung, sondern in der strukturierten, interoperablen Nutzung dieser Informationen. Protokolle wie BACnet, MQTT, Modbus, KNX oder EnOcean sichern die technische Kommunikation, während semantische Datenmodelle wie IFC oder Brick Schema, Open223 oder Real Estate Core die Grundlage für ein interoperables skalierbares Datenmodell über Domänen hinweg bieten. Mit dem Einfluss der Asset Administration Shell (AAS) als interoperable Datenstruktur aller Assets über den gesamten Lebenszyklus, ermöglicht in direkter Verbindung zum digitalen Produktpass, soll das Asset zukünftig seine digitale Identität selbst mitbringen.
Die Regulatorik gibt dem Arbeitskreis den Weg vor, Vorgaben wie EPBD, CSRD, EU‑Taxonomie, EU Data Act, NIS2 oder der digitale Produktpass benötigen immer mehr strukturierte Daten – das Datenmodell kann auch hier prozesstechnisch unterstützend ein Reporting beliefern.
Welche strategischen Weichen für einen nachhaltigen und digitalisierten Gebäudebetrieb will der Arbeitskreis „Gebäudebetrieb 4.0“ stellen?
Es wird angestrebt, die Industrieperspektive auf den Gebäudesektor zu adaptieren. Auch in Bezug auf den immer wichtiger werdenden Einsatz von künstlicher Intelligenz sind strukturierte Daten die Grundlage. Ein Gebäude ist zukünftig nicht mehr ausschließlich aus ingenieurwissenschaftlicher Perspektive zu betrachten, sondern die IT gewinnt als Sichtweise zunehmend an Bedeutung.
Aus diesem Grund vertritt der Arbeitskreis die Position, Digitalisierung nicht in einzelnen Disziplinen isoliert voranzutreiben, sondern zu vernetzen und eine Perspektive für vernetztes Denken zu schaffen.
In dieser neuen Realität wird das Datenmodell zum Fundament des Gebäudebetriebs. Die Branche entfernt sich von manuell gepflegten Listen mit Freitextfeldern und proprietären Formaten und bewegt sich hin zu einem strukturierten, semantischen und interoperablen Datenraum. Der Digitale Zwilling bildet dafür das zentrale Leitbild, er verbindet BIM‑Planungsdaten, Baudokumentation, Anlagen- und Bestandsinformationen, Monitoring Daten, ESG‑Kennzahlen und sicherheitsrelevante IT/OT‑Informationen für einen durchgängigen Informationsfluss über den gesamten Lebenszyklus.
Wie wird aus Smart-Building-Visionen im Arbeitskreis konkret umsetzbare Praxis für Betreiber und FM-Dienstleister?
Der gefma Arbeitskreis trägt maßgeblich dazu bei, das Verständnis hierfür zu etablieren. Die Mitglieder entwickeln konkrete Betreibervorgaben, Qualitätskriterien, Prozessmodelle, Schnittstellenanforderungen und Standardisierungsempfehlungen, die direkt in der Praxis angewendet werden können.
Der Arbeitskreis „Gebäudebetrieb 4.0“ ist daher weit mehr als ein Diskussionsforum. Er bildet einen strategischen Wegweiser für eine Zukunft, in der Gebäude lernfähige, energieoptimierte, vernetzte und sichere Systeme sind, und in der Betreiber über vollständige, standardisierte und maschinenlesbare Asset Daten verfügen. Aus den Arbeitsgruppen, den regelmäßigen Treffen im Plenum inkl. Elevator Pitches über brandaktuelle praxisrelevante Themen, den praktischen Möglichkeiten in den Forschungslaboren Smart‑Building‑Reallabor und Hotelkompetenzzentrum entsteht ein Rahmen, der Theorie, Praxis und technologischen Fortschritt vereint – und die Transformation des Gebäudebetriebs strukturiert und wirkungsvoll vorantreibt, jeder einzelne ist Wissensträger und transportiert die Ergebnisse in seine berufliche Praxis, die Ergebnisse werden unter anderem auch in ein White Paper fließen.
Die Arbeitskreisleitung:
Stefanie Radek ist Managerin in der PD – Berater der öffentlichen Hand und spezialisiert auf Informationsmanagement in Planen, Bauen und Betreiben. Sie gestaltet die strategische sowie organisatorische Ausrichtung des Arbeitskreises maßgeblich. Sie unterstützt die inhaltliche Planung, moderiert die Arbeitsprozesse und bringt praktische Erfahrungswerte aus ihrer langjährigen Berufserfahrung in Architektur und Facility Management ein, insbesondere zu Transformation, Digitalisierung und Gebäudebetriebsprozessen. Darüber hinaus engagiert sie sich in verschiedenen Verbänden, beispielsweise beibuildingSMART.
Fabian Naethbohm ist Leiter des Smart-Building-Reallabors an der Hochschule Mainz und spezialisiert auf IoT-Technologien, Smart Buildings, BIM im Betrieb und Datenmodelle. Seine Tätigkeit verbindet wissenschaftliche Grundlagen mit praxisnahen Digitalisierungskonzepten für Gebäude. Er liefert Inhalte zu interoperablen, semantischen Datenmodellen und bringt seine Forschungsergebnisse aus dem Reallabor in die Arbeitskreisarbeit von gefma sowie in weiteren Verbänden ein.
Frank Schröder ist Director of Efficient Technologies im Corporate Facility Management von Phoenix Contact und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im vernetzten, industrienahen Gebäudebetrieb. Seine Expertise umfasst energieeffiziente Gebäudestrategien, Betriebskonzepte, Digitalisierung, IT/OT-Security sowie die praktische Betreiberperspektive. Im gefma Arbeitskreis Gebäudebetrieb 4.0 fungiert Frank Schröder als zentrale Brücke zwischen Industrie und Praxis und bringt Erfahrungen aus über 300 Gebäuden weltweit ein.
