FACILITY MANAGEMENT im Interview

Einsparungen von bis zu 35 % möglich

In diesem Jahr bahnen sich in Zeiten gesetzlicher Initiativen – so etwa das Energieeffizienzgesetz, BEG usw. – etliche Erneuerungen für den Gebäudesektor an. Wir sprachen mit Andreas Blassy, Head of Digital- & Energy ­Services der Caverion Deutschland über die wesentlichen Änderungen für die Immobilienbranche und was Unternehmen und Facility Manager unbedingt beachten sollten.
 

Herr Blassy, welche Änderungen haben für Gebäudetechniker 2023 den größten Stellenwert?

Vorweg gesagt bin ich fest davon überzeugt, dass die Gesetzesinitiativen, die während der letzten Jahre angestoßen worden sind, einen echten Paradigmenwechsel hin zu mehr Energieeffizienz und Nachhaltigkeit bewirkt haben. Besonders die Immobilienbranche wird das enorm voranbringen. Schließlich fällt in diesem Bereich gut und gerne ein Drittel des Endenergieverbrauchs an. Die Schlupflöcher, anhand derer die energetische Sanierung öffentlicher Gebäude umgangen werden kann, reduzieren sich so voraussichtlich ebenfalls.

Auf gesamteuropäischer Ebene setze ich viele Erwartungen in die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD). Ein großer Schritt für die Dekarbonisierung des Gebäudesektors in ganz Europa bis 2050. Genau das, was wir brauchen, da die grüne Transformation des Marktes nicht an nationalen Grenzen Halt macht.

In der Praxis werbe ich persönlich für die verstärkte Einführung eines effektiven und verpflichtenden Energiemonitorings in der Gebäudetechnik sowie einen strategischen Ansatz. Nur so kann die Einsparung von Energie auch operationalisiert und belegt werden. Das wünschen sich Unternehmen, die harte Zahlen in puncto CO₂-Einsparung und Co. einfordern.

Dennoch gilt, dass die Soll-Forderungen, etwa von staatlicher Seite immer mit der Frage der Machbarkeit einhergehen: Gesetze alleine bringen noch keine Fortschritte. In dem Kontext braucht der Gebäudesektor Stand jetzt einfachere Rahmenbedingungen, damit die Integration von energieeinsparenden Instrumenten attraktiver für das eigene Geschäftsmodell wird. Bedeutet konkret, dass die Umsetzung weniger kostspielig ausfallen müsste. Das wären klare Anreize für Unternehmen. Des Weiteren müssen Gesetze flexibler werden, funktioniert etwas nicht müssen schnell Anpassungen her. Investitionen müssen sich auch lohnen und refinanzieren.

Agieren Unternehmen denn heute eher panisch als strategisch, da die Nachrichtenlage der letzten Monate von teils horrend steigenden Energiepreisen inklusive potenzieller Bedrohungen für energieintensive Branchen geprägt war?

Fakt ist, dass die Kosten für die Umsetzung nachhaltiger Innovationen im Gebäudesektor immer noch zu hoch ausfallen. Das wirkt in vielen Fällen wie eine Art Hemmschuh und verlangsamt den grünen Transformationsprozess. Nachhaltige Maßnahmen sind auch heute schon wirtschaftlich darstellbar. Wichtig ist es jedoch auch, hier ggf. zukünftige Entwicklungen mit einzupreisen. Man hat das Gefühl, das viele Entscheidungsträger den gleichen Fehler wie Anfänger an der Börse machen, sie versuchen anhand vergangener Entwicklungen den Kurs der Zukunft vorauszusagen.

Hinzukommen bestehende Vorurteile gegenüber externem Energieconsulting auf Unternehmensseite. In täglichen Gesprächen mit Firmen merken wir, welche negativen Erfahrungen mit “großen” Consultern sowie “kleinen” Energieberater auf Stundenbasis gemacht worden sind.

Insofern ist die zurückhaltende Einstellung gengenüber den Kosten nicht über Nacht gekommen. Diese verfestigte sich im Zuge der letzten Jahre und erreicht aktuell aus Gründen der steigenden Energiepreisen einen Höhepunkt.

Wir Gebäudetechniker stehen nun zusätzlich vor der Herausforderung, dass unsere Leistungen keinen schnellen Return on Investment (ROI) gewährleisten können. Dieser Umstand senkt nicht unbedingt die Vorbehalte. Insofern behalten Unternehmen zwar den viel zitierten kühlen Kopf, gehen allerdings kaum strategisch vor, um die Energiewende auch im Immobilienbereich voranzutreiben. So bleibt eine Abhängigkeit gegenüber Fossilen in weiten Teilen der Branche vorerst leider bestehen.

Welche Abläufe helfen schon mit dem jetzigen Stand der Technik, um wirklich und spürbar im gewerblichen Immobiliensegment wie viel Energie einzusparen?

Wir sehen in Bezug auf unser Projekt mit der Energie-Wende-Garching bereits heute, wie viel Energie anhand des aktuellen Stands der technischen Entwicklung eingespart werden kann.

Unternehmen müssen allerdings wissen: Um nachhaltige Energiequellen – in diesem Fall geothermischen Quellen – für den eigenen Betrieb anwendbar zu machen, sind vorherige Maßnahmen notwendig: Dazu gehört eine technische Analyse der Liegenschaft und ein automatisiertes Monitoring zugunsten der Unternehmen, die in der Liegenschaft ansässig sind.

Gerade die letzte Prozesskette zeigt den Entscheidern der Wirtschaft auf, wie viel an Energie tatsächlich eingespart wird. Dies vergrößert auch die Legitimität von anfangs scheinbar hohen Kosten. Zumal sich schon heute Einsparungen von bis zu 35 % im Bereich des Möglichen befinden.

Technisch gesprochen bindet dieser Prozess viele, kleine Einzelmaßnahmen, die in Summe für die Integration der regenerativen Energiequellen notwendig sind. Dazu gehört vor allem die Anpassung der Regelungstechnik, Hydraulik verbessernde Maßnahmen sowie die Installation von Messtechnik und im Anschluss idealerweise die Implementierung von Gebäudeleittechnik und ein digitales Energiemonitoring.

Langfristig kann in erster Linie mit diesen Methoden die maximale Absenkung der Rücklauftemperaturen oder auch die Absenkung der Systemtemperaturen erreicht werden.

Caverion wirbt in einer aktuellen Partnerschaft mit der Energie-Wende-Garching (EWG) für das perfekte Zusammenspiel zwischen Energieeffizienz, technischen ­Niveau und regenerativen Energien. Was müssen Unternehmen und die Facility Manager hier beachten?

Geothermie ist eine der geeignetsten Energiequellen, um Erdgas langfristig und komplett zu ersetzen. Diese ständig verfügbaren Energiequellen sind nahezu komplett emissionsfrei. Einzig für die Weiterleitung und Spitzenlast werden andere Energieträger benötigt. Der Anteil der Fossilen würde in diesem Verfahren dabei gerade einmal zwischen 10 % und maximal 20 % betragen. Wohl gemerkt bei stetiger Versorgungssicherheit und weitgehender Unabhängigkeit von Gasimporten.

Trotzdem gibt es grundsätzliche Eigenschaften, die Unternehmen und Facility Manager beim Einsatz dieser Energiequelle beachten müssen. Ein Beispiel: Geothermie ist lokal gebunden. Das bedeutet, dass nicht einfach willkürlich 2 bis 3 km unterhalb der Erdoberfläche nach Thermalwasser an beliebigen Orten gesucht werden kann. Vielmehr muss klar sein, dass es nur ausgewählte und spezifische Standorte in Deutschland und Europa gibt, die für Geothermie geeignet sind.

Zudem gilt, dass die technischen Parameter und Einstellungen spezielles Fachwissen abverlangen. Dabei ist eine hohe Spreizung der Temperaturen notwendig. Rücklauftemperaturen müssen konstant stark abgesenkt werden. Ein laufendes Energiemonitoring und die Implementierung einer Gebäudeleittechnik müssen ebenfalls installiert werden. Dies sind Verfahren, bei denen nichts schieflaufen darf. 

Man sieht also: Die enorme Fehleranfälligkeit in einer Reihe von verketteten Einzelmaßnahmen, erhöht die Relevanz von Gebäudetechnikern um ein Vielfaches.

Kann anhand dieser etablierten Prozesse flächendeckend Energie eingespart werden oder handelt es sich in erster Linie um ein Pilotprojekt?

Das Projekt in Garching zeigt auf, dass es sich einerseits um deutlich mehr als nur ein Pilotprojekt handelt. Ohne technische Optimierung ist eine Liegenschaft aber sozusagen nicht automatisch “geothermiefähig”. Wir konzentrieren uns deshalb auf die Optimierung der Anlagen und die dadurch erzielte höhere Spreizung zwischen Ausgangs- und Rücklauftemperatur. Auf diesem Wege kann mehr Wärmeenergie zur Verfügung gestellt werden ohne unnötigen Gasbezug in der Spitzenlast. Dazu kommen eine höhere Verfügbarkeit für Wärme und deutlich weniger CO₂ Emissionen.

Das funktioniert vor Ort in Garching bereits sehr gut und kann an anderen Standorten ebenfalls schon heute umgesetzt werden: Bundesweit z.B. in München, Umgebung aber auch der Alpenregion sowie in Teilen Mitteldeutschlands, dem Rhein-Main Gebiet, dem Oberrheingraben bzw. im Osten Norddeutschlands in Mecklenburg-Vorpommern. International gelten zudem Gebiete in Norditalien und Süd-West Frankreich als attraktive Standorte der Geothermie.

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