Wissenschaft trifft Praxis: Akustik als Schlüssel für moderne ­Arbeitswelten

EDEKA-Campus in Minden

Mit dem Neubau des EDEKA-Campus in Minden wurde nicht nur ein architektonisches Statement gesetzt, sondern auch ein Meilenstein in der Verbindung von Praxis und Wissenschaft erreicht. Die frühzeitige Integration raumakustischer Konzepte war dabei kein Zufall, sondern das Ergebnis einer fundierten Auseinandersetzung mit internationalen Standards und innovativen Berechnungsmodellen.

Warum Akustik heute mehr zählt als je zuvor

Offene Raumkonzepte, hybride Arbeitsmodelle und flexible Desk-Sharing-Strukturen sind die Antwort auf die Anforderungen moderner Unternehmen. Doch diese Offenheit bringt Herausforderungen mit sich: Geräuschkulissen, Sprachverständlichkeit und die Gefahr akustischer Störungen. Studien zeigen, dass über 35 % der Mitarbeitenden in offenen Büros Unzufriedenheit aufgrund von Lärm äußern. Der EDEKA-Campus setzt hier bewusst auf Prävention – durch technische, organisatorische und persönliche Maßnahmen.

Exkurs: ISO-Normen als Planungsgrundlage

Die Planung orientierte sich an den internationalen Normen ISO 3382-3 und ISO 22955, die Parameter für die Bewertung von Schallausbreitung und Sprachverständlichkeit in offenen Bürolandschaften definieren. Diese Normen liefern Zielwerte für die akustische Bedämpfung von Sprache (D_A, S) und die räumliche Abnahme des Schallpegels. Für den EDEKA-Campus bedeutete das: Jede Zone wurde hinsichtlich ihrer typischen Aktivitäten bewertet – von konzentrierten Einzelarbeiten bis hin zu kommunikativen Meetings in den Überlaufzonen.

Das vereinfachte Prognosemodell – Wissenschaft in der Praxis

Ein Highlight des Projekts war die Anwendung eines vereinfachten Prognosemodells, das von Keränen und Hongisto der Universität in Turku, Finnland bereits 2013 entwickelt wurde und von Rainer Machner, Holger Brokmann und Dr. Achim Klein von Ecophon erweitert und angepasst wurde. Dieses Modell erlaubt es, mit wenigen Eingangsparametern wie Raumgröße, Deckenabsorptionsgrad und Abschirmhöhe die akustische Qualität in Bezug auf Aktivitäten im Raum vorherzusagen. Der Vorteil: schnelle, kosteneffiziente Simulationen bereits in der Konzeptphase. So konnten Varianten verglichen und Entscheidungen für Deckendesigns, Wandabsorber und Abschirmungen getroffen werden.

Die Berechnungen lieferten konkrete Empfehlungen:

 Deckenabsorber mit hohem Absorptionsgrad als Basismaßnahme.

 Vertikale Elemente wie Akustikpaneele und Screens zur gezielten Abschirmung.

 Flexible Möblierung, um akustische Zonen dynamisch anzupassen.

 

Activity Based Acoustic Design

Das Konzept des Activity Based Acoustic Design ist mehr als ein Schlagwort, denn es harmoniert perfekt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen: Dabei berücksichtigt das Konzept  die drei Dimensionen Aktivität, Mensch und Raum und schafft Arbeitsumgebungen, die den jeweiligen Anforderungen gerecht werden. Für den EDEKA-Campus bedeutet das: Bereiche für konzentriertes Arbeiten sind akustisch geschützt, während kommunikative Zonen bewusst offen gestaltet sind – ohne die Gesamtbalance zu gefährden.

Technik trifft Organisation: Das T-O-P-Prinzip

Neben der technischen Ebene (Absorber, Deckensegel, Wandpaneele) spielte auch die Organisationsplanung eine zentrale Rolle. Arbeitsplätze wurden nach akustischen Kriterien angeordnet und Führungskräfte erhielten das Angebot, sich mit der Nutzung der neuen Umgebungen vertraut zu machen. Ergänzend wurden persönliche Maßnahmen wie ergonomische Headsets bereitgestellt. Dieses Zusammenspiel von Technik, Organisation und Personal folgt dem anerkannten T-O-P-Prinzip und sorgt für nachhaltige Akzeptanz.

Validierung und Erfolgsmessung

Nach Fertigstellung des EDEKA-Campus wurden umfangreiche Messungen durchgeführt. Die Ergebnisse bestätigen die Prognosen: Die Zielwerte für den Abfall des Sprachschallpegels (D_A,S) wurden erreicht oder teilweise übertroffen. Besonders beeindruckend: In sensiblen Bereichen wie den Überlaufzonen konnte eine akustische Abschirmung von über 28 dB realisiert werden  – ein Wert, der konzentriertes Arbeiten im sinnvollen Abstand zu kommunikativen Aktivitäten ermöglicht, ohne zwingend Räume zu schließen.

Mehrwert für Mitarbeitende und Unternehmen

Die akustische Qualität ist kein Selbstzweck. Sie steigert Produktivität, reduziert Stress und fördert die Zufriedenheit der Mitarbeitenden. Das Feedback ist positiv: Die neue Arbeitswelt wird als angenehm empfunden, die wahrgenommene Geräuschbelastung als minimal. Damit erfüllt der EDEKA-Campus nicht nur bauliche Standards, sondern setzt Maßstäbe für die Zukunft der Arbeit.

Fazit: Ein Modell für die Zukunft

Der EDEKA-Campus zeigt, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse und praxisorientierte Planung ideal ergänzen. Die Kombination aus normbasierten Zielwerten, vereinfachten Prognosemodellen und innovativen Akustiklösungen macht das Projekt zu einem Vorbild für moderne Büroarchitektur.

Es beweist: Nachhaltigkeit und Wohlbefinden entstehen nicht allein durch Energieeffizienz und Design – sie brauchen auch eine durchdachte akustische Strategie.

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