In deutschen Büros gibt es Nachholbedarf!

Ergonomische Arbeitsplatzgestaltung

Fast die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland arbeitet im Büro. Um die Leistungsfähigkeit dieser­ ­Menschen langfristig zu erhalten, setzen immer mehr Unternehmen auf eine ergonomische Arbeitsplatz­gestaltung. Doch Ergonomie im Büro umfasst viel mehr als nur eine geeignete Ausstattung.

Bei der Bereitstellung von Büroarbeitsplätzen nimmt Ergonomie zunehmend eine zentrale Rolle ein. Eine repräsentative Studie des Industrieverbands Büro und Arbeitswelt e.V. (IBA, ehemals bso) aus dem Jahr 2015 belegt, dass sich das Bewusstsein für die Bedeutung einer ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung langsam durchsetzt. Demnach investieren immer mehr Unternehmen in eine gesunderhaltende Arbeitsplatzausstattung. Doch noch gibt es Nachholbedarf. So ist beispielsweise die Zahl der Beschäftigten, die über einen ergonomischen Bürodrehstuhl mit beweglichem Sitz und beweglicher Rückenlehne verfügen, in den vergangenen Jahren nur leicht gestiegen.

Wer für mehr Ergonomie am Büroarbeitsplatz sorgen möchte, sollte einerseits die Arbeitsplatzausstattung, andererseits aber auch das Verhalten der dort arbeitenden Menschen betrachten. Dabei geht es darum, Beschwerden durch Fehlhaltungen oder ein langes, bewegungsarmes Sitzen vorzubeugen und so die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter dauerhaft zu erhalten.

Konkrete Anforderungen auf Basis der rechtlichen Regelungen in Bezug auf die Arbeitsplatzgestaltung wie etwa Bildschirmarbeits- oder Arbeitsstättenverordnung sind in den Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) beschrieben. Grundlegende Leitlinien für die ergonomische Gestaltung von Büroarbeitsplätzen bietet die internationale Norm DIN EN ISO 9241-5. Berufsgenossenschaften und Krankenkassen geben oft Leitfäden mit praxisnahen Tipps für eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung heraus. Hilfestellungen bei der Umsetzung in die Praxis liefern zudem Ergonomieberatungen, die von verschiedenen Dienstleistern, Büromöbelherstellern oder auch den TÜV-Gesellschaften angeboten werden. Dabei erarbeiten Experten maßgeschneiderte Konzepte, mit denen sich Ergonomie im Arbeitsalltag fördern lässt. Besonders geeignet sind modulare Konzepte, bei denen einzelne Bausteine bedarfsabhängig kombiniert werden können.

Arbeitsplatzausstattung im Detail

Eine wesentliche Voraussetzung für ­einen ergonomischen Büroarbeitsplatz ist ein Stuhl, der sich individuell auf die Körpergröße sowie das Gewicht des Nutzers anpassen lässt und ein körpergerechtes Sitzen unterstützt. Eine nach vorne geneigte Sitzfläche bringt das Becken in eine Position, die dazu beiträgt, die Wirbelsäule zu entlasten. Auch im Sitzen ist zudem Bewegung wichtig. Ein optimaler Bürostuhl fördert daher ein sogenanntes dynamisches Sitzen mit regelmäßigen Haltungswechseln bei leichter Rückenlehnenunterstützung. Bei der Auswahl hilft die Aktion Gesunder Rücken (AGR) e.V.: Mit ihrem Gütesiegel zeichnet sie besonders rückengerechte Produkte aus.

Ist die Grundlage mit einem ergonomisch idealen Bürodrehstuhl geschaffen, folgt im nächsten Schritt ein geeigneter Arbeitstisch. Ein elektrisch höhenverstellbarer Tisch lässt sich nicht nur bequem auf die Körpergröße verschiedener Nutzer anpassen, sondern auch ganz einfach zwischendurch als Stehpult nutzen. Mitarbeiter, die im Arbeitsalltag ­regelmäßige Phasen der Steharbeit ein­planen, können damit Verspannungen vorbeugen, den Kreislauf ankurbeln und ihre Konzentrationsfähigkeit aufrechterhalten. Derzeit sind insbesondere elektrisch höhenverstellbare Tische für Konferenzräume und Meetingzonen sehr gefragt. Damit lässt sich der Besprechungstisch einfach per Knopfdruck auf Stehhöhe bringen. So können Mitarbeiter auch ­im Meeting zwischen Sitzen und Stehen wechseln.

Nach ergonomisch geeigneten Stühlen und Tischen spielen auch Technik und Arbeitsmittel eine wichtige Rolle. Bildschirm, Tastatur, Telefon und Co. sind so anzuordnen, dass der Nutzer bei der Arbeit eine körpergerechte Haltung einnehmen kann. Tastatur und Maus sollten etwa nah an der Tischkante liegen. So kann der Mitarbeiter die Unterarme bei der Bedienung auf den Armlehnen des Stuhls oder der Tischfläche ablegen. Der Bildschirm sollte sich bei einem Abstand von etwa einer Armlänge zum Auge frontal und zentral im Blickfeld befinden. Im Zweifel gilt: besser zu tief als zu hoch. Denn wenn der Bildschirm zu hoch ist, schiebt der Nutzer automatisch den Kopf nach vorne. Das kann schnell zu Verspannungen führen. Ergonomieprofis prüfen die Anordnung von technischen Hilfs- und Arbeitsmitteln anhand typischer Haltungen im Arbeitsall­­tag und achten dabei auch auf externe Faktoren wie den Lichteinfall oder die Raumakustik.

Das nötige Wissen

Die Ausstattung bildet die Grundlage für mehr Ergonomie am Arbeitsplatz. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, müssen Möbel und Arbeitsmittel aber auch richtig genutzt werden. Nicht selten kommt es vor, dass Mitarbeiter Bürodrehstühle nicht optimal einstellen oder einen modernen, höhenverstellbaren Tisch nicht in allen seinen Funktionen nutzen. Deswegen kommt es beim Thema Ergonomie immer auch darauf an, Mitarbeitern das nötige Wissen zu vermitteln und sie zu einem gesundheitsfördernden Verhalten anzuleiten. Gerade für Büroarbeiter, die lange an ihrem Arbeitsplatz sitzen, gehört dazu auch regelmäßiger Bewegungsausgleich, zum Beispiel durch einen Spaziergang in der Mittagspause.

Um Ergonomiekompetenz aufzubauen, setzen professionelle Berater auf praxisnahe Schulungen und Trainings. Bei Arbeitsplatzbegehungen in Kleingruppen können die Mitarbeiter beispielsweise gemeinsam mit dem Berater typische Körperhaltungen im Alltag analysieren oder Musterarbeitsplätze exemplarisch einrichten. Auch die Ausbildung von Multiplikatoren hat sich bewährt, um das Bewusstsein für die Bedeutung von Ergonomie im Betrieb zu verbreiten. Denn der Einsatz von speziell geschulten Mitarbeitern, die ihre Kollegen direkt am Arbeitsplatz beraten, erzielt meist in relativ kurzer Zeit nachhaltige Erfolge und lässt sich mit vergleichsweise geringem Aufwand umsetzen. Die Berater kontrollieren den Erfolg aller eingeleiteten Maßnahmen mit zeitlichem Abstand. Nur so ist sichergestellt, dass nachgebessert werden kann, wenn es Bedarf für Verbesserungen oder Auffrischungen gibt.

Ergonomie erleben

Ergonomieberater wissen, wie wichtig eine anschauliche Vermittlung ist, um Mitarbeiter vom Nutzen eines gesundheitsbewussten Verhaltens zu überzeugen. Bei Schulungen greifen sie daher oft auf technisches Rüstzeug zurück, um Ergonomie erlebbar zu machen. Mithilfe von Softwarelösungen können Büroarbeitern zum Beispiel einseitige Belastungen und Fehlhaltungen bewusst gemacht werden. Freiwillige lassen sich dabei in typischen Positionen am Arbeitsplatz fotografieren. Die Software wertet die Daten aus, so dass die Körperhaltungen auf einem Bildschirm gezeigt und mit ergonomisch idealen Positionen verglichen werden können. So erkennen Mitarbeiter, dass bestimmte Haltungen die Wirbelsäule belasten und auch eine Sitzhaltung, die sie selbst als bequem empfinden, nicht optimal für den Bewegungsapparat sein kann.

Damit die Ergonomie im hektischen Arbeitsalltag nicht in den Hintergrund rückt, haben einige Anbieter Hilfsmittel entwickelt, die an das Thema erinnern. Ein Beispiel ist der „90-Sekunden-Arbeitsplatzcheck“ der Dauphin HumanDesign Group. Per App oder am Computer können Büroarbeiter ihren Arbeitsplatz selbst überprüfen. Die kostenlose App bietet in 90 Sekunden einen Test, ob die Einstellungen des eigenen Bürodrehstuhls ein ergonomisches Arbeiten fördern sowie zahlreiche Tipps für die Einstellung von Tisch und Bildschirm, die Anordnung der Arbeitsmittel oder das Verhalten am Arbeitsplatz.

Ein maßgeschneidertes Konzept und ­eine anschauliche Wissensvermittlung sind wesentliche Erfolgsfaktoren, um Mitarbeiter dauerhaft zu einer idealen Nutzung eines ergonomisch eingerich­teten Arbeitsplatzes zu bewegen. So gelingt es, dass Bewusstsein für die Bedeutung des körpergerechten Arbeitens zu fördern, damit sich das Thema Ergonomie künftig in noch mehr Büros in deutschen Unternehmen durchsetzt.

Büroarbeitsplatz im Check

Der „90-Sekunden-Arbeitsplatzcheck“ ist kostenlos im iOS-App-Store erhältlich oder online unter http://arbeitsplatzcheck.com/ zu finden.

Rechtliche Regelungen

Einen Überblick über Gesetze und Verordnungen rund um Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit bietet die Homepage Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: http://www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Arbeitsstaetten/Arbeitsstaettenrecht.html