FACILITY MANAGEMENT im Interview

Innovationen im FM

FM-Redakteurin Kerstin Galenza sprach mit Prof. Dr. Markus Thomzik, Mitglied des Facility Management-Fachbeirates im VDI und Dozent des Fachbereichs Maschinenbau und Facilities Management, Lehr- und Forschungsgebiete: BWL, Facility Management und Innovationsmanagement an der Westfälische Hochschule in Gelsenkirchen, über Innovationen im FM.

Sie sind im FM-Fachbeirat des VDI ein Exot, denn Sie sind kein Ingenieur, sondern Betriebswirt. Wie sind Sie zum FM gekommen?

Tatsächlich bin ich nicht nur im Fachbeirat des VDI, sondern auch in unserem Fachbereich an der Westfälischen Hochschule, wo ich das Facility Management seit 2005 lehrseitig vertrete, ein kleiner Exot unter den Ingenieuren. Ich bin aber dort nicht in einer abgeschlossenen Voliere im Elfenbeinturm einer Hochschule untergebracht, sondern als Kind des Ruhrgebiets auch seit 20 Jahren mit dem Branchenschwerpunkt FM am Institut für angewandte Innovationsforschung an der Ruhr-Universität Bochum forschend und beratend unterwegs, hätte also im letzten Jahr beinahe mit
Ihrem Magazin Jubiläum feiern können.

Den Zusammenhang zwischen FM und Innovationsmanagement müssten Sie bitte erläutern.

Innovation ist für uns ganz allgemein
eine Veränderung des Status Quo. Und das auf individueller Ebene aber auch auf Unternehmens- und sogar Bran­chen­­ebene. Mit zunehmendem Verände­rungsdruck steigt in diesen drei Bereichen – zumindest vordergründig – die Bereitschaft zur Innovation. Doch Innovationen fallen nicht vom Himmel und sind in der Umsetzung keine Selbstläufer. Zahlreiche Fehleinschätzungen zu Neuproduktideen, zur Diffusion neuer Techniken, zu den Wirkungen neuer
organisatorischer Regelungen etc. kennzeichnen das mangelnde Verständnis der Entstehungs- und Umsetzungsprobleme von Innovationen. Mein Branchenschwerpunkt sind hier die Veränderungsprozesse in der FM-Branche, in den FM-Unternehmen und bei den beteiligten Menschen. Innovationen werden auch hier ausschließlich von Menschen gemacht!

Welche Innovationen sehen Sie für die FM-Branche?

Echte Innovationen lassen sich leider nicht wirklich vorhersagen. Neue Produkte und Dienstleistungen lösen alte ab, neue Verfahren, Prozesse und Organisationen verdrängen alte Strukturen, weil sie besser und effektiver sind. Diese Anpassung wird durch Wettbewerb
vorangetrieben und getragen von Menschen, die sich davon persönlichen Erfolg versprechen. Sie kommen dabei nicht umhin, den FM-Markt zu bedienen. Er entscheidet über den Erfolg.

Eine entsprechende Innovationskultur kann dabei auch nur schwer über Innovationspreise gepuscht werden. Dahinter steckt viel gute Absicht, doch den Bemühungen fehlt die empirische Einsicht. Wenn nämlich vorwiegend mit Funk­tionären und wohlmeinenden Politiker besetzte Jurys oder ein noch so hoch­karätiges Fachpublikum über die Markt­fähigkeit von Neuerungen abstimmen, dann übernehmen sie genau die Aufgabe, die sie gar nicht erfüllen können. Dahinter steckt eine gewisse Arroganz des Wissens. Wenn diese – so hat es mein viel zu früh verstorbener Doktorvater, Erich Staudt, mal ausgedrückt – „Innovationseunuchen“ einem vermeintlich erfolgreichen Innovator anerkennend auf die Schulter klopfen, übersehen sie: über die Erfolge von Innovationen entscheidet letztlich nur der Markt. Und dabei gibt es heute erste Anzeichen,
dass sich dieser FM-Markt in einem ­
sehr dynamischen Umfeld befindet.

Was meinen Sie mit
dynamischem Umfeld?

Ich meine das Stichwort „Digitalisierung“. Hier sind Trends zu erkennen, die kurz- und mittelfristig als Innovationstreiber auch im FM wirken könnten: Mittels „Big Data“ wird bald eine „predictive maintenance“ routinemäßig möglich. Mehrere Datenquellen, die bisher nicht miteinander in Verbindung gebracht wurden, könnten auf einer Smart-Data-Plattform vernetzt werden, um Probleme frühzeitig zu erkennen und bspw. vorausschauend instand zu halten. So können bspw. verlässliche Voraussagen zu Ausfällen von Aufzügen und Rolltreppen oder Füllständen von Kaffeemaschinen und Kopierern gemacht werden. Mit Hilfe von biometrischen Systemen werden des Weiteren nicht nur im Kontext von Zutrittskontrollen und Flächenbelegungskonzepten Effizienzreserven gehoben, sondern gleichzeitig mit ihrer Integration in betriebliche Gesundheitsmanagementsysteme neue Niveaus der Mitarbeiterzufriedenheit und Employability erreicht. Durch neue Möglichkeiten einer miniaturisierten Sensorik werden darüber hinaus die Performance von Gebäuden besser verstanden und detailliertere Real-Time-Gebäudenutzungsanalysen möglich. Es werden nicht nur mit Spezialkameras ausgestattete Drohnen routinemäßig als Hilfsmittel bei Inspektionen auf Dächern und in Kanalsystemen, sondern auch mobiler 3D-Druck ressourcenschonend für die Ersatzteilbereitstellung in Wartungsprozessen eingesetzt. Mit künstlicher Intel­ligenz ausgestattete Roboter werden in vielen heute noch personalintensiven Routinen eingesetzt und ermöglichen zugleich ein neues Niveau ergebnisorientierter Service-Level. Google hat jetzt einen zweibeinigen Roboter vorgestellt, der eine Treppe putzt. Die Arbeitsteilung in diesem Mensch-Maschine-System des FM könnten in Teilen bald neu geordnet werden. Dabei werden für die FM-Branche bislang völlig fremde und gänzlich neue Mitarbeiterkompetenzen erforderlich sein. Und das ist erst der Anfang.

Und wie geht es Ihrer
Meinung nach weiter?

Ich habe auf der INservFM den Eindruck gewonnen, dass nicht wenige Entscheider hinter der Digitalisierung der Wirtschaft bloß eine unbedeutende Start-up-Szene vermuten, die sie im Bereich des FM kaum tangieren wird. Das könnte fatale Folgen haben. Unzweifelhaft wird die Digitalisierung die FM-­Arbeitswelt erheblich verändern. Und es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in die Überlegungen einzubeziehen. Es ist es ganz mensch­lich, wenn einige den Vormarsch von Algorithmen auch als Bedrohung wahrnehmen. Die Menschen sind nämlich nicht nur Enabler, sondern auch gleichzeitig die größte, hier „fleischgewordene“, Innovationsbarriere. Die Sorgen der Mitarbeiter vor den ungewissen Veränderungen der Digitalisierung unterscheidet sich dabei nicht von den Sorgen eines Kerzenziehers, der am Horizont den noch schwachen Lichtschein der ersten Glühbirne wahrnimmt. Boston Consulting glaubt zwar zu wissen, dass durch die Industrie 4.0 insgesamt mehr Jobs entstehen werden als verlorengehen. Ich vermute aber, es wird in weiten Teilen eine Umschichtung geben, da auch in den digitalen FM-Prozessen neue Kompetenzen gefragt sein werden. Und hier beginnen die Herausforderungen. Wenn der Mensch die größte Barriere im Veränderungsprozesse darstellt, dann müssen wir jenseits der Investition in die digitalen Tools, in digitale Plattformen und Geschäftsmodelle vor allem in eine „vorlaufende“ Kompetenzentwicklung der Mitarbeiter investieren und sie in dem anstehenden Prozess mitnehmen.

Also steht der Mensch sich bei der Umsetzung einer
Digitalisierungsstrategie
quasi selbst im Weg? Gibt es weitere Hemmnisse auf dem Weg zur Digitalisierung?

Ich glaube, dass – wie in Deutschland insgesamt – auch die FM-Unternehmen mit der Digitalisierung ihrer Wertschöpfungsketten nicht schnell genug voran kommen. Es gibt zahlreiche Barrieren: der Mangel an Mut, eine wirklich radikale Transformation durchzusetzen sowie fehlende notwendige Mitarbeiterkompetenzen. Hier ist er also wieder: der Faktor Mensch. Dann gibt es da noch die Schwierigkeit, die notwenige Vernetzung in den verschiedenen Organisationseinheiten zu koordinieren. Auch hier ist er wieder der Faktor Mensch, der lieber liebgewordene Privilegien, Besitzstände, Budgets und vor allem sein veraltetes Kompetenzniveau zu schützen versucht, als Neues zu wagen, das immer mit Unsicherheiten verbunden ist. Man braucht also zumindest einen dynamischen Rand von Mitarbeitern, der Risiken eingeht und einen Machpromoter, der die schützende Hand über Digitalisierungs-Teams hält. Möglicherweise müssen hier auch jenseits der Altorganisation sogenannte „Bootlegging“-Strategien verfolgt werden, bei denen sich solche Innovationsprojekte erst im Verborgenen zur vollen Blüte entfalten können, ohne das Querfeuer der vielen Bedenkenträger.

Wie wird der FM-Markt in den kommenden 20 Jahren aussehen?

Die digitalen Systeme werden sich nicht linear, sondern exponentiell weiterentwickeln...

Drastische Auswirkungen werden auch aus Entwicklungen im Umsystem von Immobilien zu erwarten sein. Wenn Tesla schon in wenigen Jahren die ersten selbstfahrenden Elektro-Autos anbietet, dann würde Uber die gesamte erwartete Jahresproduktion von 500.000 Fahrzeugen sofort auf einen Schlag kaufen. Ein solches fahrerloses Automobil würde auch Immobilien und ihren Betrieb massiv beeinflussen. Tiefgaragen werden nahezu überflüssig und Parkraumbewirtschaftungskonzepte obsolet, wenn mit neuen City-Mobilitätskonzepten ganze Flotten selbstfahrender Taxis die Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz oder zu Projekteinsatzorten befördern. Das Fahrzeug wird über eine App angefordert, setzt den Mitarbeiter ab und reiht sich danach wieder in eine Art Cloud aus vielen Roboter-Taxis ein, die permanent durch die Stadt zirkulieren. Die Frage ist nur, wer solche Entwicklungen vorantreibt. Nicht das Auto, sondern die Plattform zu „bauen“ ist hier der Erfolgsfaktor. Tatsächlich fällt mir kein Gegenargument dafür ein, dass auch der Bereich des Facility Managements über kurz oder lang zu den disruptiven Wertschöpfungsketten zählen könnte. Die FM-Manager werden bald google müssen, was unter „Disruption“ zu verstehen ist, was da ihre etablierten Kundenbeziehungen zerstört, wenn sie über neue digitale Plattformen in die zweite Reihe gedrängt werden. Ich habe Ende letzten Jahres eine Umfrage zur Digitalisierung im Bereich des FM mit ganz interessanten Einschätzungen von beteiligten Marktakteuren gemacht. Man scheint sich der Gefahren noch nicht wirklich bewusst!? Das Gutachten zur Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands, das vor wenigen Wochen von der Expertenkommission vorgelegt wurde, kommt zur rechten Zeit. Es hat ein vernichtendes Urteil gefällt: Neue Intermediäre dominieren zunehmend den strategisch wichtigen Zugang zum Endkunden und bedrohen die Positionen etablierter Anbieter, heißt es dort. Die erste Halbzeit der Digitalisierung ist also bereits verloren! Auch die FM-Branche wird sich den Veränderungen aufgrund der Digitalisierung nicht verschließen können, sonst droht der digitale Absturz. Wenn die Digital-Elephants wie Alphabet/Google bspw. mit der 3-Milliarden-Akquisition von „Nest Laps“ das Tempo der digitalen Transformation dominieren oder die „Digital-Piranhas“, hungrige Start-ups wie „helpling.de“ mit einem für die FM-Branche unvorstellbaren großem Venture-Capital von über 56 Mio. € in zwei Jahren, von den etablierten FM-Playern ein Stück von den digitalen oder realen Märkten erobern wollen, müssen wir bald beginnen, unsere digitalen Plattformen zu bauen, um die unausweichlichen Entwicklungen endlich proaktive zu gestalten. Für den Innovationsforscher im FM ist das eine spannende Zeit.

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