Mit einem holistischen sicherheitstechnischen Ansatz ­ für mehr technische Offenheit und Transparenz

Digitale Sicherheitstechnik

Von A wie Automobilindustrie bis Z wie Zerspanungstechnik – die digitale Transformation schafft aktuell in allen Branchen neue technische Möglichkeiten. Zunehmend setzt sich die Digitalisierung auch in der Gebäudetechnik durch und verändert damit von Grund auf, wie Gebäude in Zukunft geplant, gebaut, genutzt und bewirtschaftet werden. Dieser Paradig­menwechsel hat wesentliche Auswirkungen auf die Sicherheits- und Brandmeldetechnik in ­zukunftsfähigen Gebäuden und Infrastrukturen.

Wie kann angesichts globaler und agiler Strukturen die Sicherheit von Mitarbeitern und Unternehmenswerten gewährleistet werden? Wie lässt sich die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften garantieren? Und wie können wir heute und auch in Zukunft Geschäftskontinuität und Investitionsschutz sicherstellen? – So lauten nur ­einige der Fragestellungen, auf die moderne sicherheitstechnische Konzepte Antworten bieten müssen.

Der digitale Gebäudezwilling

Bei der Entwicklung adäquater Lösungen, die diesen Ansprüchen genügen, hilft zum Beispiel eine softwaregestützte Simulation, etwa in Form eines „Digital Twin“, eines digitalen Zwillings des Gebäudes. So wird beim Building Information Modeling – oder kurz BIM – das gesamte Gebäude mit allen Gewerken parallel und abgestimmt geplant und im virtuellen Digitalmodell simuliert, ge­testet und bei Bedarf korrigiert. Das Gebäude wird also quasi zweimal gebaut: einmal virtuell auf dem Computer und erst dann physisch in der Realität. So können mögliche Kollisionen der Gewerke und Unstimmigkeiten einfach in der Software geändert werden und müssen nicht mühevoll auf der Baustelle oder gar im laufenden Betrieb behoben werden.

Die zeitgleiche Planung der verschiedenen Gewerke ermöglicht zudem gewerkeübergreifende, koordinierte Lösungen, die in der Vergangenheit durch die Vergabepraxis nur selten realisiert werden konnten. Durch die virtuelle Planung und die Nutzung eines gemeinsamen Datenmodells können nun auch detaillierte Varianten in einer frühen Phase zur Optimierung des Gebäudes geprüft werden.

Digitalisierung und Brandschutz

In Bezug auf die Planung und den Betrieb sicherheitstechnischer Systeme ­bietet BIM vor allem im Bereich der passiven Sicherheit große Potenziale:
So kann beispielsweise mit der Evakuierungssimulationssoftware von Siemens ein Digital Twin aus einer BIM-Planung nahtlos für eine Simulation der Gebäudeentfluchtung verwendet werden. Die Steuerung von Personenströmen über Zutrittskontrollanlagen im Betriebsalltag lässt sich damit ebenso zuverlässig und praxisnah testen wie etwa Evakuierungssysteme oder Brandschutzszenarien. Perspektivisch wird BIM zum Beispiel auch die korrekte Position von Brandmeldern ermitteln können. Das Brandschutzsystem der Zukunft wird damit noch weniger anfällig für zunächst unbemerkte Planungsfehler sein.

Doch auch bei den Brandmeldern selbst erschließt die Digitalisierung immer neue Potenziale. Algorithmenbasierte und parametergestützte Detektionsverfahren haben sich längst durchgesetzt. Die von Siemens entwickelte ASAtechnology arbeitet seit ihrer Markteinführung so zuverlässig, dass Siemens dafür bis heute eine Vergütungsgarantie für Falschalarme anbietet. Außerdem lässt sich für diese Brandmeldergeneration über das Software-Analysetool Sinteso Data Recorder (SDR) der Wirksamkeitsnachweis gemäß der aktuell neu gefassten DIN VDE 0833-2:2017-10 erbringen. Ein umfassender Wirksamkeitsnachweis geht über die baurechtlich geforderte Wirkprinzipprüfung noch hinaus. Das bedeutet, dass die Melder dann auch in höheren Räumen und komplexeren Dachformen eingesetzt werden dürfen als ohne Wirksamkeitsnachweis.

Inzwischen ermöglichen digitale Technologien aber auch den direkten Zugriff auf alle Sensoren und Funktionen im Melder. So lassen sich beispielsweise vom Brandmelder erfasste Temperaturwerte zusätzlich für die Steuerung anderer Gewerke wie Klimatisierung oder Lüftung im Raum nutzen.

Unternehmenssicherheit im digitalen Zeitalter

Der Siegeszug der Digitalisierung bringt jedoch auch neue ­Herausforderungen mit sich. So gehören Daten heute zu den wertvollsten Gütern eines Unternehmens. Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte aller Unternehmen, denen geschäftskritische Informationen abhandenkommen, nach weniger als zwei Jahren nicht mehr im Markt sind. Daten müssen jedoch nicht nur korrekt verarbeitet, gespeichert und geschützt werden, sondern es gilt auch, die Servergebäude sicher, hochverfügbar und effizient zu betreiben. Die Voraussetzung dafür sind intelligente gebäude- und sicherheitstechnische Infrastrukturen. Entsprechende Sicherheitslösungen müssen zum Beispiel den ­physischen Zutritt exakt mit IT-Prozessen abstimmen und korrelieren, um physische und logische Lösungen miteinander zu verbinden.

Generell sind Unternehmen im wettbewerbsorientierten Markt­umfeld von heute mehr denn je von der Geschäftskontinuität und dem guten Ruf bei ihren wichtigsten Stakeholdern abhängig. Jeder Sicherheitsvorfall muss mit größter Sorgfalt behandelt werden, um Imageschäden zu verhindern. Sicherheitskonzepte für Unternehmen müssen deshalb so vielfältig sein wie die Firmen, Märkte und Branchen, in denen sie tätig sind. Bei der Umsetzung dieser Lösungen ist ihnen jedoch eines gemeinsam: Der Faktor Mensch spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg der verwendeten Technologie. Je mehr Menschen sich im Unternehmen bewegen – seien es Mitarbeiter, Besucher oder Lieferanten –, desto relevanter wird dieser Aspekt. Physische Sicherheitsvorkehrungen einerseits und organisatorische und technische Maßnahmen anderseits müssen also so zusammenspielen, dass sie von allen Personen im Unternehmen akzeptiert werden und den Betriebsalltag in keiner Weise behindern. Dies gelingt, wenn die verwendete Sicherheitstechnologie intuitiv, modular und benutzerfreundlich konzipiert ist.

In einer von Siemens durchgeführten internationalen Studie zum Sicherheitsmarkt (Siemens C-Level Survey 2013/2014) ­gaben 83 % der befragten CSO an, dass ein Trend in Richtung zentral organisierte Sicherheitslösungen erkennbar ist. Eine strategisch orientierte und zentral ausgerichtete Corporate Security lässt sich mit isolierten Technologien und Insellösungen jedoch nur unzureichend realisieren. Ein holistischer Ansatz hingegen gibt Sicherheitsbeauftragen auf betrieblicher und strategischer Ebene die Möglichkeit, ihre Kapazitäten ganz nach Bedarf zu erweitern, um schnell und einfach auf Vorfälle zu reagieren.

Holistischer sicherheitstechnischer Ansatz

Ein Beispiel für einen solchen holistischen, also ganzheitlichen Ansatz ist das OneCard-Konzept für die unternehmensweite Zutrittskontrolle: Eine multifunktionale ID-Karte erfüllt dabei sämtliche Anforderungen von Besuchern, Mitarbeitern und Lieferanten. Diese Karte dient nicht nur als elektronischer Schlüssel für alle Eingänge, Türen und Pforten, sondern kann auch für Self-Service-Optionen wie bargeldlose Zahlung in der Kantine und Zugriff auf vertrauliche Softwareanwendungen oder Dateien sowie für zahlreiche andere spezialisierte Anforderungen verwendet werden. Mitarbeiter akzeptieren neue Technologien, wenn sie ihnen Mehrwert bringen und ihre Unabhängigkeit im Unternehmen erhöhen. Die OneCard-Lösung bietet außerdem zusätzliche Sicherheitsebenen. Diese können bei Bedarf für besonders kritische Anlagen, Ressourcen oder Infrastrukturen eingesetzt werden, die einen einheitlichen und zentralisierten Softwareansatz erfordern.

Als eine konkrete Lösung zur Umsetzung entsprechender integrierter Konzepte stellt Siemens aktuell das System Transliner Pro vor: Speziell für Hochsicherheitsanwendungen und größere Industrieanlagen konzipiert, erweitert es die Funktionen einer klassischer Einbruchmeldezentrale um Zutrittskontrollfunktionen und ermöglicht darüber hinaus die Einbindung von Videotechnik. Dabei lässt sich die IP-Plattform flexibel an individuelle Kundenbedürfnisse anpassen und vernetzen. Transliner Pro ist mandantenfähig, sodass mehrere Unternehmen in einem Gebäudekomplex ein und dasselbe Sicherheitssystem verwenden können. Dadurch reduziert sich der administrative Aufwand. Zudem bedeutet die kombinierte Nutzung von Zutrittskontrolle und Einbruchmeldetechnik Kosteneinsparungen.

Ein weiteres Beispiel für einen holistischen, integrierten Ansatz in der Sicherheitstechnik ist das Gefahrenleitsystem Siveillance Viewpoint. Dieses vereint das Gefahrenmanagement und ausgewählte Einsatzleitfunktionen erstmals in einer integrierten Plattform. Gerade auch in komplexen Infrastrukturen wie industriellen Produktionsanlagen können Sicherheitsverantwortliche dank dieser Software im Ereignisfall besonders schnell und effizient reagieren. Die Software korreliert Informationen aus allen Subsystemen und liefert damit eine klare, strukturierte Übersicht über die Ereignisse sowie die gesamte Melderlandschaft. So lassen sich beispielsweise über Geo-Referenzierung einzelne Melder im Raum zuordnen, um umfassendes Situationsbewusstsein und effektive Steuerung zu gewährleisten. Dabei ist Siveillance Viewpoint als offene und flexible Integrationsplattform konzipiert. Das heißt, dass jede Art von Subsystem über ein Modul (Open Interface) und Standardschnittstellen eingebunden werden kann. Das gilt auch für Fremdsysteme.

Selbstverständlich lassen sich solche integrierten sicherheitstechnischen Systeme auch sehr sinnvoll in gewerkeübergreifende Managementsysteme einbinden. Zum Beispiel können über die Managementplattform Desigo CC die komplette Sicherheitstechnik rund um Brandmeldung, Videoüberwachung und Einbruchschutz sowie Gewerke wie Heizung, Lüftung und Klima, Beleuchtung und Beschattung zentral gesteuert werden. Ein solcher gewerkeübergreifender Ansatz ermöglicht es, den Status verschiedener Gewerke zu steuern, abzubilden, auszuwerten und Änderungen in Echtzeit umzusetzen. Die Plattform kann von einem Arbeitsplatz oder einem mobilen Endgerät verwaltet werden – mit einer einheitlichen Oberflächengestaltung, die für eine einfache Handhabung sorgt.

Fazit und Ausblick

In der Sicherheits- und Brandmeldetechnik setzt sich der Einsatz digitaler Technologien und Konzepte mit guten Gründen zunehmend durch. In Zukunft wird die Digitalisierung den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden von der Planung über den Bau bis zur Nutzung und Bewirtschaftung noch stärker verändern. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel für die gesamte Branche: Software avanciert zum zentralen Faktor. Technische Offenheit und Transparenz werden punkten, geschlossene und proprietäre Systeme hingegen sukzessive verschwinden. Aus diesem Transformationsprozess ergeben sich Herausforderungen, aber auch Chancen, die sich erst in der digitalen Welt entfalten können.

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